Herzschmerz

Ich empfand in mehrerlei Hinsicht Herzschmerz in den vergangenen fünf Wander-Tagen im Engadin.

Auf Schritt und Tritt wurde ich an früher erinnert. An gemeinsame Rennvelo-Touren mit meinem Mann. An Wanderungen. An Aufenthalte auf Campingplätzen mit unserem ersten VW-Camper. Und insbesondere ans Skifahren. Praktisch jeden Winter verbrachten wir mindestens eine Woche im Oberengadin.

Auch auf der Diavolezza waren wir jeden Winter. Die berühmte Aussicht von der Terrasse des Berghauses aus – wer würde sie sich schon entgehen lassen.

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Diavolezza, März 2015

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Piz Bernina im März 2011

Seit mehr als 30 Jahren war ich letzte Woche wieder mal im Sommer dort. Und ich traute meinen Augen kaum, so scheusslich sah es aus.

Ich hätte heulen können beim Anblick all dieser aperen Eisströme. “Ausgehungerte Gletscher” nannte es eine Kollegin zutreffend. Total deprimierend. Und schlagartig wurde mir bewusst, dass der Herzschmerz über mein verflossenes Leben im Vergleich dazu nur ein Nasenwasser ist. 

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Wer …?

… freut sich mit mir an den Sommervögeln, den Schwalben am Himmel, dem zarten Grün der Lärchen im Frühling und den ersten Schneeflocken im Winter?

… hat für mich immer einen Schnudi dabei?

… sorgt dafür, dass unser Auto stets in schönstem Glanze erstrahlt?

… opfert sich für meine gewagten kulinarischen Kreationen?

… sitz mir gegenüber am Tisch?

… wachst meine Skis nach jedem Tag im Schnee?

… cremt mir den Rücken ein?

… begleitet mich auf allen bekannten und unbekannten Pfaden?

… fiebert mit, wenn am Fernsehen Velo- und Skirennen übertragen werden?

… flickt meinen Platten am Velo?

… bring mich zum lachen?

… hat immer eine Antwort auf meine Fragen parat?

… kratzt mich am Morgen mit seinen Bartstoppeln?

… nennt mich Bööni-Frau?

 

W e r !

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Mein über alles geliebter Mann ist am 4. Juli von seinen unsagbaren Leiden erlöst worden.

Zum Kotzen stark

Von einer Kollegin, deren Mann vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, habe ich folgendes Mail erhalten:

… Wie ich schon im letzten Mail geschrieben habe, ist es mit dem Kraft-Wünschen immer so eine Sache. Ich hätte oft kotzen können, ob all der Kraft, die man mir wünschte. Schon klar, die Mitmenschen wollen etwas Liebes sagen, ich weiss, ich weiss. …

Ich könnte es nicht in treffendere Worte fassen. Auch mir wird Kraft gewünscht. In Mails, im persönlichen Kontakt, per SMS, Blog-Kommentaren. Ich werde in sämtlichen vorgängig erwähnten Varianten gedrückt, sogar ins Gebet einbezogen. Von allen Seiten her wird mir auch immer wieder versichert, man denke an mich/uns.

Emotionslos betrachtet muss ich mich fragen, was mir all die Wünsche bringen. Es geht weder mir noch meinem Mann dadurch besser. Aber die Wünsche sind, und das ist mir sehr wohl bewusst, ehrlich gemeint. Und letztlich auch nur ein Abbild von dem, was wir selber empfinden: Hilflosigkeit, Traurigkeit, Ohnmacht.

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Makaber

Makaber ist,

wenn man die Wäsche seines Mannes bügelt,

während am Radio

Knockin’ on Heaven’s Door

gespielt wird.

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Wie sehr wünschte ich mir,

dieses Ereignis wäre nur meiner Fantasie entsprungen.

Hat mich ganz schön durchgeschüttelt.

Schatten auf der Seele

Ich danke euch für all die aufmunternden, mitfühlenden Kommentare zu meinen letzten beiden Beiträgen mit vielen guten oder zumindest gut gemeinten Ratschlägen. Ausnahmsweise beantworte ich sie nicht einzeln, da mir dazu die Energie fehlt.

Eines ist mir klar geworden: Diesen Blog werde ich nicht aufgeben, aber wohl eher über über andere Themen schreiben. Das Flohnmobil ist mir in den vergangenen Jahren nicht nur wichtig geworden, sondern ist teilweise, wenn für Aussenstehende manchmal auch etwas kryptisch, ein Spiegel meiner Seele. Ein Rückblick auf glücklichere Zeiten. Und gerade Letztere werde ich nicht einfach mit einem Mausklick auslöschen.

Der Austausch mit euch liegt mir am Herzen. Der Tag wird kommen, wo ich wieder bei anderen Blogs vorbeischaue und meinen Senf dazu schreibe. Die Vergangenheit hat schon mehrfach bewiesen, dass der Schritt von der virtuellen in die reale Welt durchaus vollzogen werden kann und in der Regel sehr bereichernd ist.

Dieses Lied von Adel Tawil, das derzeit mehrmals täglich am Radio läuft, bewegt mich jedes Mal und rührt mich zu Tränen. Schatten auf meiner Seele…

 

Warum ausgerechnet du?

Diese Frage beschäftigt mich seit der vernichtenden Krebs-Diagnose meines Mannes. Ich habe sie mir in den vergangenen Wochen und Monaten beinahe täglich gestellt.

Warum ausgerechnet du?
Wo du doch immer so sportlich warst. Kein Übergewicht. Wenig Alkohol, nie geraucht.

Warum ausgerechnet du?
Frage ich mich unter Tränen, die einer Mischung aus Wut, Verzweiflung und unendlicher Traurigkeit entspringen.

Warum ausgerechnet du?
Deinen körperlichen Zerfall mitzuerleben stürzt mich in ein Gefühl totaler Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Warum ausgerechnet du?
Was hast du getan, dass du derart abgestraft wirst?

So oft ich mir die Frage auch stelle, eine Antwort darauf werde ich nie erhalten.

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