Das Funkeln der Sterne

Es liegt eigentlich ausserhalb meines Kompetenzbereichs, über Viersternehotels zu urteilen. Zu einseitig sind meine diesbezüglichen Erfahrungen. Anders bei meinem innig geliebten Mitbewohner. Er hat in früheren Jahren als Skilehrer mehrmals pro Winter in solchen hochdekorierten Häusern gewohnt.

Es braucht indes nur ein gerüttelt Mass an gesundem Menschenverstand, um zu erkennen, dass dort, wo wir die letzten fünf Tage logiert haben, nicht das Letzte gegeben wurde, um den Gast bei guter Laune zu halten. Und diese Laune kann sich sichtlich und nachhaltig heben, wenn beispielsweise die Verpflegung stimmt. Doch diese war, um jetzt nicht gleich allzu negativ zu sein, recht dürftig. Ausserdem das pure Gegenteil von raffiniert und von den Zutaten her bescheiden, ja gar billig. Hungerportionen wurden einem da serviert. Eine Vorspeise bestand aus vier Scheibchen spanischer Salami, einem Klecks Hüttenkäse, einem halben Maiskölbchen, einer Olive, einer Scheibe Gurke und einem einsamen Salatblatt. So etwas würde ich mir nie getrauen, meinen Gästen zu servieren! Ausser ich wollte, dass sie die nächste Einladung dankend ablehnen.

Am “Schweizer Abend” war der Speisesaal mit einigen Schweizer- und Bündner-Fähnchen beflaggt, auf den Tischen Papierservietten mit Schweizer Kreuzen, in einer Ecke gab ein Handörgeler sein Bestes, um Stimmung zu verbreiten. Der Hauptgang war wahlweise Käsefondue oder Raclette. Fürs Raclette musste man anstehen (etwas was der Mitbewohner aus tiefstem Herzen verabscheut). Erhielt man einen Abstrich Käse auf den zwar warmen Teller, war dennoch der Käse spätestens hart, bis man sich ein paar Kartoffeln aus dem Topf gefischt hatte, sich aus den üppigen Garnitur wahlweise Zwiebelscheiben, Cornichons und/oder Silberzwiebelchen geschöpft hatte und zurück am Tisch war.

Die einzige Abwechslung am fantasielosen Salatbuffet bestand darin, dass die Schüsseln jeden Abend anders angeordnet waren. Eine vergleichsweise Üppigkeit musste man dem Frühstücksbuffet attestieren. Wären da nicht die Brötchen gewesen, die samt und sonders etwas zu wenig lange im Ofen verweilten, hätte ich ausnahmsweise mal nichts zu meckern gehabt.

Was dem Mitbewohner am sauersten aufstiess, war der Skiraum. Oder das, was man dort als solchen bezeichnete. Das dunkle Loch war nämlich eher eine Grümpelkammer mit Skiständern. Platz zum Ski wachsen gab es schon gar nicht. Die noch grössere Katastrophe war der Skischuh-Raum. Wohl mit Wärmezapfen versehen, auf denen die Schuhe über Nacht trocknen konnten, war der Raum so eng, dass die Gäste selbst bei 10 Grad minus die Schuhe im Freien anzogen. Darauf angesprochen erklärte der Geschäftsführer, das Hotel stamme halt aus den Sechzigerjahren. Und sie seien schon froh, dass sie den Gästen überhaupt einen Ski- und Skischuhraum zur Verfügung stellen konnten.

Ich könnte hier noch länger über das Hotel lästern, aber bewirken tu ich damit ja doch nichts. Ein paar gute Haare können wir am Hotel lassen. Unser Zimmer war in Ordnung, stets sauber geputzt und dass die Gutenacht-Geschichte, die jeden Abend auf dem aufgedeckten Bett lag, zahlreiche Orthografie-Fehler hatte, hat wohl nicht Jeder bemerkt.

Wir haben als “kürzliche Gäste” bereits einen online-Fragebogen erhalten, dort werden wir unseren Unmut nochmals Kund tun. Allerdings verspreche ich mir davon nicht wirklich viel, denn in einem der Prospekte der Hotelkette war eine Grafik mit der Auswertung dieser Fragebogen. Was ich dort gesehen habe, lässt die Vermutung aufkommen, dass negative Kritik kurzerhand ausgeblendet wird.

Um es mit den Worten des Mitbewohners auf den Punkt zu bringen: Das Hotel wäre schon recht, es hat einfach einen Stern zu viel.

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Hotel des Grauens

Anlässlich der Messe “Swissbau” hatte ich zusammen mit mehreren Arbeitskollegen das ziemlich zweifelhaft Vergnügen, in einem Hotel in der Basler Innenstadt zu übernachten. Darüber hatte ich – meines Zeichens Chefredaktorin der Personalzeitung – einen Artikel verfasst, den ich für euch ausgegraben habe:

Nicht, dass nun ich besonders prädestiniert wäre, mich über Hotels auszulassen oder gar regelmässig auswärts übernachten würde, doch nach diesem Besuch in besagtem Hotel juckte es mich in den Fingern, meine satirische Ader begann zu pulsieren.

Vorgewarnt
Keineswegs mehr ganz unvoreingenommen begaben wir uns nach der Messe in Richtung Hotel. Von unseren Kollegen hatten wir bereits erfahren, was uns dort erwartete. Meine schlimmsten Befürchtungen sollten sich allerdings nicht bewahrheiten – sie wurden bei weitem übertroffen!

Bereits beim Betreten des Hotels befiel uns das klamme Gefühl, dass unsere Kollegen nicht übertrieben hatten. Nach der Übergabe des Zimmerschlüssels – der uns in der Form einer Lochkarte bereits den ersten nostalgischen Touch vermittelte – begaben wir uns zu unseren Gemächern.

Sesam – öffne dich!
Im Gang vor den Zimmertüren angekommen, fühlte man sich auch ohne viel Fantasie in eine Strafanstalt versetzt. Orangerote, nach aussen öffnende und mindestens 10 cm dicke Türen in einem Gang, der jeden Schritt erhallen liess, straften das Auge des entsetzten Betrachters. Nur noch die Lochkarte, die darauf wartete, in den Schlitz neben der Türe geschoben zu werden und dieselbe mit einem laut hörbaren “Ratsch” zu entriegeln, trennte mich von meinem Schlafgemach.

Was für ein Anblick! Ich war mir unschlüssig, ob ich vor Entsetzen umkippen sollte, oder ob mich in Kürze ein Lachanfall dahinraffen würde ob dem Bild, das sich mir bot. Die Einrichtung hätte eher ins Freilichtmuseum Ballenberg gepasst, als in ein 3-Sterne-Hotel. Die 135 Franken, die uns diese Übernachtung kosten sollte, erschienen mir schon zu hoch, bevor ich wahrnahm, dass ich mich in einem Raum befand, der mit ziemlicher Sicherheit in den vergangenen 20 Jahren nur noch punktuelle Reinigung erfahren hatte – wenn überhaupt.

Lieber im Kuhstall übernachten
Ich darf wohl sagen, dass ich schon öfters in billigen Hotels abgestiegen bin, auch bin ich gewohnt, in Massenlagern zu übernachten. Soweit also kann ich mich als relativ “abgebrüht” in Sachen bescheidenen, ja primitiven Übernachtungsmöglichkeiten bezeichnen. Doch dieses Zimmer war weder bescheiden noch primitiv und schon gar nicht billig! Es war schlichtweg eine Katastrophe.

Für die schummrige Beleuchtung, die ich im Zimmer antraf, gab’s für mich nur eine Erklärung: Bei 40 Watt Lichtstärke sieht man schätzungsweise auch nur 40 % des herumliegenden Drecks.

Nach einem anstrengenden Tag an der Messe hätte ich mich eigentlich auf eine Dusche gefreut. Doch nachdem meine Bürokollegin tags zuvor beinahe auf der Seife des Vorgängers ausgerutscht war, wollte sich diese Freude nur zögernd einstellen! Beim Anblick des Bads hätte sich wohl jeder Sanitär-Installateur einen fetten Sanierungsauftrag ausrechnen können. Alles, aber auch wirklich alles musste aus den allerersten Anfängen dieser Absteige stammen. Ich verzichtete darauf, mir die Haare zu waschen, denn nach meinen Schätzungen wäre ich über Stunden hinweg damit beschäftigt gewesen, mir mit dem spärlich fliessenden Wasserstrahl das Shampoo wieder aus den Haaren zu spülen. Die Frottierwäsche gab ihre Identität nur dadurch Preis, dass sie sich im Bad befand. Ansonsten wäre der Vergleich mit Schmirgelpapier wohl zutreffender gewesen.

En tüüfe und gsunde Schlaf?
Sie werden Verständnis dafür aufbringen, dass wir für das Nachtessen eine andere Lokalität aufsuchten und im Anschluss daran noch keinen Drang verspürten, ins Bett zu gelangen. Das Bett war ohnehin nur auf Distanz als solches erkennbar. Bei Nähertreten entpuppte es sich eher als Gondel, sowohl was die Form als auch die Stabilität betraf.

Nach einem nicht so ganz “tüüfe” und “gsunde” Schlaf, wie ich ihn eigentlich nötig gehabt hätte, weckte mich das Geplantsche aus dem Ententeich im 5 x 5 Meter grossen Hof. Als mein Zimmernachbar sich entschloss, eine Dusche zu nehmen, rauschte das Wasser so gnadenlos durchs ganze Hotel, dass mir niemand übelnehmen wird, dass ich mich kurz vergewissern musste, ob ich nicht auch gleich nass werden würde.

“Reichhaltiges” Frühstücksbuffet
Über die Qualität des Essens kann ich Ihnen an dieser Stelle keine Informationen aus erster Hand geben. Denn nach allem, was ich gehört hatte über saure Milch zu den Corn Flakes und Haaren zwischen einzelnen Käsescheiben, hatte ich mich entschlossen, auf ähnliche Erfahrungen zu verzichten und an unserem Messe-Stand eine Tasse Kaffee zu trinken.

Ich will nun aber das Hotel nicht noch weiter in den Dreck ziehen, denn da steckt es meiner Meinung nach ohnehin ziemlich tief drin, doch habe ich mich schon gefragt, ob wir die letzten Gäste vor der Gesamtsanierung seien. In diesem Zusammenhang hatte sich sogar ein Mitarbeiter des Engineerings spontan bereit erklärt, ein Entsorgungs-Konzept für das gesamte Hotel zu erstellen.

Ich hoffe nun für Sie, dass Sie sich nie in dieses Hotel verirren werden. Ich kann Sie insoweit beruhigen, dass wir auf einen Beschwerdebrief an die Basler Hotelreservation hin den Bescheid erhalten haben, dass das Hotel Ende März geschlossen werde. Mich wundert’s überhaupt nicht…!

Übrigens: Den ersten Entwurf zu diesem Artikel habe ich in einer schlaflosen Nacht in besagtem Hotel verfasst; es befand sich noch genau ein Blatt Papier in der Schreibmappe.

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Warum ich diesen alten Kaffee gerade jetzt aufwärme? Weil die Swissbau in Basel noch bis morgen dauert. Weil aufgewärmte Gerichte nicht unbedingt schlechter schmecken müssen als frisch gekochte. Weil ich euch einen Einblick in mein Wirken vor über 20 Jahren geben wollte. Weil ich meinen damaligen Schreibstil ansatzweise wiedererkenne. Und weil dies mein erstes öffentliches Werk war, für dessen Inhalt ich zu hundert Prozent selber verantwortlich war. Gewisse Missstände auf humoristische Art zu zerpflücken muss mir schon damals grossen Spass bereitet haben.

Aufbruchstimmung

Wir hatten gut zu Abend gegessen und begaben uns wohlgenährt und zufrieden auf unser Hotelzimmer. Wir hatten nur das Nötigste ausgepackt, wollten wir doch am nächsten Tag weiter fahren. Eher lustlos zappten wir noch etwas herum. Die Zeiger der Uhr bewegten sich auf Mitternacht zu.

Unter normalen Umständen hätte man das, was folgte als „aus hellheiterem Himmel“ bezeichnet. So aber musste man es als „aus sternenlosem Nachthimmel“ betiteln. Mein innig geliebter Mitbewohner schoss auf und verkündete seinen Entschluss: „Hier bleiben wir nicht.“

„Du spinnst ja wohl, es ist mitten in der Nacht. Wo sollen wir denn jetzt noch ein anders Zimmer her kriegen?“

„Lass das meine Sorge sein.“ Während ich an seinem Verstand zweifelte, war der Mitbewohner felsenfest davon überzeugt, seine Idee umzusetzen. Er verliess das Zimmer und begab sich zur Rezeption.

Mir geisterten alle möglichen Szenarien durch den Kopf. Was um Himmels Willen war in diesen Mann gefahren? Was hatte ich übersehen, das ihm nicht in den Kram passte? Zur Geisterstunde ein neues Quartier zu suchen, so ein Schwachsinn!

Ich kam nicht mehr dazu, mir weitere Gedanken zu machen, denn der Mitbewohner stand bereits wieder unter der Türe. Mit triumphierendem Lächeln verkündete er: „Siehst du, man muss nur nicht immer alles so negativ betrachten wie du. Es geht!“

Ab dieser Ankündigung gingen bei mir vollends die Läden runter. Meine Gedanken wirbelten mit Lichtgeschwindigkeit durcheinander. Er wollte doch nicht etwa mitten in der Nacht weiterfahren? Welches Hotel würde uns denn jetzt noch aufnehmen? Für ein Stundenhotel waren wir doch schon etwas zu lange verheiratet.

Bevor ich weitere Horrorszenarien durchdenken konnte, fuhr der Mitbewohner fort: „Die lassen uns sogar ohne zu bezahlen ziehen. Das Ganze ist nur an eine einzige Bedingung gekoppelt.“ Ich hoffte inständig, dass wir diese eine Bedingung nicht erfüllen konnten, wusste aber insgeheim, dass, wenn sich der Mitbewohner etwas in den Kopf gesetzt hatte, er es auch durchzog. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

„Sie verlangen von uns lediglich, dass wir das Zimmer gründlich staubsaugen.“ Sprachs, drehte sich um, zog einen Staubsauger am Schlauch durch die Türe und begann mitten in der Nacht, das Zimmer zu staubsaugen. Dass das nicht zur Freude der schlafenden Gäste ablief, versteht sich von selbst.

Und ich weiss auch nicht, was dem Kerl noch alles eingefallen wäre, wäre ich nicht selber ab dem Staubsauger-Krach endlich wach geworden.

Sternschnuppen

Es war so nicht geplant gewesen. Und überhaupt, es entsprach nicht im Geringsten unsern Vorstellungen. Aber die Heimreise von Schweden auf der Autobahn ab Rostock ging nicht so zügig vorwärts, wie wir gehofft hatten. Da war mal der Stau südlich von Potsdam und anschliessend das Unwetter, dessen Zentrum ziemlich genau im gleichen Tempo wie wir in ziemlich genau der gleichen Richtung vorwärts kam und die Sicht stark einschränkte, nicht davon zu reden, dass die Strasse mitunter zentimetertief unter Wasser war.

Südlich von Leipzig hatten wir die Nase voll und waren auch nicht mehr so ganz frisch, deshalb verliessen mein innig geliebter Mitbewohner und ich die Autobahn, um nach einem Nachtquartier Ausschau zu halten. Der kleine Haken daran: Wir waren nur mit einer Karte 1:500’000 unterwegs, und Orte, die dort drin eingezeichnet sind, entsprechen wohl nicht zwingend der ländlichen Idylle, die wir von Schweden her noch gewohnt waren und die wir für unsere Hotelübernachtung anstrebten. Eine kleine Vorahnung, dass aus der lauschigen Übernachtung in einem Landgasthof wohl nichts werden würde, befiel mich, als wir in der Innenstadt aufs Kopfsteinpflaster donnerten.

Einige Zeit später standen wir vor der folgenden Wahl: 3 Sterne für 99 Euro, 4 Sterne für 95 Euro pro Zimmer. Der Mitbewohner und ich legen sonst nicht so grossen Wert auf die Himmelskörper, aber da wir schon mal bei den 4 Sternen standen, und die erst noch billiger waren, entschieden wir uns um 19.00 Uhr kurzerhand für diese. Wir gaben uns nicht der Illusion hin, dass für diesen Preis – selbst im ehemaligen Osten – das geboten würde, was bei uns unter einem Viersterne Hotel rangiert.

Dennoch, das Zimmer war grosszügig und sauber, mit einer Infrastruktur, wie man sie erwarten konnte. Das Essen dagegen, naja, da haben wir Schweizer vermutlich etwas andere Vorstellungen von Verpflegung und ich behaupte glattweg, dass man mit den Zutaten auch etwas Besseres hätte kochen können.

Das Frühstücksbüffet anderntags liess vordergründig keine Wünsche offen. Kaum hatten wir einen Teller gefasst, wurden wir schon belagert, ob wir ein Spiegelei oder Rührei wünschten. Wünschten wir nicht, genauso, wie wir keine Peperoni, Wurstwaren, Fisch oder Gurken zum Frühstück mögen. Wir essen zu Hause Brot, Butter, Konfitüre und ein Stück Käse und von dieser Sitte sahen wir nur insofern ab, als dass wir noch etwas Müesli aufluden. Was da jedoch an Brot angeboten wurde, blieb uns beinahe im Hals stecken. Nicht, weil es so trocken war, sondern so gummig. Ich bin mir sicher, dass man Aufbackbrötchen so lange im Ofen lassen kann, bis sie eine brotähnliche Konsistenz angenommen haben. Diesen Viersterne-Brötchen war das nicht vergönnt.

Als wir Zeugen wurden, wie der Kaffee, der wieder abgetragen wurde, zurück in einen grossen Pot gekippt wurde, um dem nächsten Gast zu servieren, veränderte sich das Firmament endgültig.

Öfters mal Panne (8)

… oder die göttliche Vierfügung

Es war einer jener vollbefrachteten Tage, die sich auf Reisen halt einfach so ergeben. Zuerst eine Velotour, anschliessend das im Wohnmobil etwas zeitaufwändige Duschen, dann ein Spaziergang zu einem malerischen Seelein und dann die Fahrt zu einem von gleich mehreren todsicheren Übernachtungsplätzen im Womo-Führer. Einmal mehr folgte die Ernüchterung, dass man mit einem Wohnmobil auch im schwach besiedelten Irland längst nicht überall willkommen ist. Gleich mehrere Plätze waren nämlich mittlerweile mit Teppichstangen verbarrikadiert. So suchten wir also die Karte nach einem möglichen Übernachtungsplatz ab. Was ich als Ruine interpretiert hatte, erwies sich bei unserem Eintreffen als das intakte Zisterzienser-Kloster Mount Melleray.

Wir schauten uns auf dem Gelände mit den grossen Parkplatzflächen um und stellten uns unterhalb des Friedhofs bei einer Art Allee hin. Die Mönche schienen an uns kein Interesse zu haben – was absolut auf Gegenseitigkeit beruhte. Vom Wohnzimmerfenster aus hatten wir eine grandiose Aussicht auf die friedliche Landschaft und nicht weit vom Womi weg grasten Karnickel. Einer ruhigen Nacht stand nichts im Wege.

Als mein innig geliebter Mitreisender am anderen Morgen vor der Abfahrt seinen obligaten Rundgang ums Womi machte, entdeckte er, dass die Gurten der Veloblache gelöst waren. Die Fahrräder waren unversehrt. Die zu klauen hätte ohnehin gröberen Werkzeugs bedurft, denn wir hatten sie immer mehrfach gesichert. Ausserdem wäre der Mitreisende bei solchem Gewerke garantiert wach geworden. Ich dagegen schlafe bekanntlich im Womi wie ein Murmeli und hätte die Attacke mit grosser Wahrscheinlichkeit verpennt.

Natürlich waren wir alarmiert und schauten überall nach, was die Nachtbuben – die Mönche waren es ja wohl kaum – sonst noch angerichtet hatten. Wir fanden: NICHTS. Jedenfalls nichts Offensichtliches und drum fuhren wir halbwegs beruhigt von dannen. Bis zum nächsten Brunnen, wo wir Wasser bunkern wollten. Als ich so dastand und den Trichter hielt, während der Mitreisende den Wasserkanister in den Tank entleerte, schweifte mein Blick auf eines der Räder. Da fehlte etwas! Die vom Bremsstaub schwarzen Ventile endeten in blitzeblank sauberen Gewinden. Jemand hatte uns alle vier Ventildeckeli geklaut. Ob das die Warnung eines stockkatholischen Iren war, uns nicht mehr vor einem Kloster aufzustellen?

Der Schaden war schnell behoben. Der Mitreisende griff in seine Werkzeugkiste und zauberte aus deren unergründlichen Tiefen zumindest mal drei Ventildeckel hervor. Einen Vierten fanden wir ein paar Tage später auf der Strasse.

Die siebte erste Nacht

Es wäre alles so schön aufgegangen. Wir hätten am Freitag unser neues Wohnmobil übernommen und eineinhalb Tage Zeit gehabt, um es einzurichten, bevor wir am Sonntag damit wegfahren.

Hätte, wäre, wenn. Alles Theorie, denn am Freitag kam das Telefon aus der Adria-Vertretung. Es sein ein Arbeiter ausgefallen und unser Fahrzeug werde nicht zur vereinbarten Zeit fertig. Nun mag sich der unkundige Leser fragen, was denn an so einem fabrikneuen Fahrzeug noch „unfertig“ sein kann. Ich will es gerne erklären. Wir hatten unser altes Womi an Zahlung gegeben und von ebendiesem galt es, diverses Zubehör abzumontieren und am neuen Fahrzeug anzubringen. Beispielsweise die Solarpanele samt Regler und Batterien und die Satellitenschüssel, um nur die aufwändigsten zu nennen. Ausserdem hatten wir diverse Sonderwünsche wie ein neues Radiogerät, eine Markise oder ein Fahrrad-Ständer für die Heckgarage.

Das erwähnte Telefon traf uns also ziemlich hart. Wir stellten das Ultimatum: Entweder ist das Fahrzeug bis am Samstagmittag betriebsbereit oder wir erhalten ein Ersatzfahrzeug, damit wir wie geplant eine Woche wegfahren können. Man einigte sich darauf, vorläufig nur das Allernötigste zu montieren und am Samstagmittag war tatsächlich soweit alles fertig und brauchbar. Nun kamen mein innig geliebter Mitbewohner und ich gewaltig ins Rotieren! Nur wenige Stunden standen uns zur Verfügung, um unser nigelnagelneues Wohnmobil so einzurichten, dass wir darin eine Woche funktionieren konnten. Dazu sei erwähnt, dass wir es nur als Schlafwagen benutzten, denn wir standen einmal mehr vor dem altbekannten und bewährten Hotel Hintertuxerhof, dessen Infrastruktur wir – selbstverständlich gegen Entgelt – wie schon in früheren Jahren benutzen konnten. Also versuchten wir abzuwägen, welche Sachen wir dringend brauchten, was unbedingt noch vor der ersten Reise erledigt sein musste, und was warten konnte.

Das gänzlich Neue am Adria-Wohnmobil war, dass sich unsere Schlafstätte nicht mehr in schwindelerregender Höhe im Alkoven befand, sondern hinten im Fahrzeug, über der Heckgarage. Wie immer war es aber auch in diesem Fahrzeug an mir, über den Mitbewohner hinweg in den hinteren Teil des Betts zu krabbeln. Vor dem Einschlafen lauschten wir andächtig Regentropfen, die so ganz anders aufs Dach trommelten als im alten Womi und wogen die Vor- und Nachteile des neuen Fahrzeugs ab. Neue Geräusche, neue Ecken, um sich blaue Flecken zu holen, neue Macken, neue Abmessung, neues Fahrverhalten.

Seit drei Jahren nun haben wir dieses Adria-Wohnmobil, gut 32’000 km sind wir damit herumgekarrt. Mittlerweile kennen wir es in- und auswendig. Und schlafen entspannt und gut wie bis anhin in jedem Wohnmobil.

Schrecken in Uniform (11)

Bei der Wahl eines Übernachtungsplatzes ist es nicht das Gleiche, ob man vierzehn Tage Ferien oder mehr oder weniger unbeschränkt Zeit für eine Reise hat. Früher konnte ich es mir auch nie vorstellen, dass ich einmal auf einem hundskommunen Parkplatz übernachten würde. Zu Zeiten, als wir noch mit unseren spärlichen paar Wochen Ferien auskommen mussten, übernachteten wir mit dem Campingbus entweder auf einem Campingplatz oder – viel lieber – an einem idyllischen Ort in der freien Natur.

Das Blatt wendete sich, als wir mit unserem Campervan durch Nordamerika kurvten. Zeitlos, ohne gültiges Flugticket zurück in die Heimat, frei wie die Vögel. Es lag schlicht und ergreifend nicht drin, jeden Abend 20 Dollar und mehr für einen Campingplatz auszulegen. Wenn wir uns nicht in einem Nationalpark aufhielten, wo freies Stehen nicht möglich war, suchten wir wenn immer möglich einen kostenlosen Übernachtungsplatz. Das konnte bei einem Supermarkt sein (bevorzugt Wal-Mart), auf einem Wanderparkplatz, bei einer Sehenswürdigkeit oder ähnliches.

Stets beachteten wir allfällig vorhandene Verbotsschilder. „No overnight parking“ hiess es meistens. Mit unserem – im Vergleich zu den amerikanischen Wohngondeln – kleinen Fahrzeug konnten wir noch halbwegs unauffällig an einem Parkplatzrand stehen. Halbwegs.

Eines Abends im Staate Nevada hatten wir am Rande einer Sportanlage geparkt. Mitten in der Nacht – wüa-wüa-wüa! Na ja, wir waren jedenfalls sofort hellwach. Das Horn des Polizeiautos konnte nicht ignoriert werden. Es klopfte an der Türe. Mein innig geliebter Mitreisender schob die Vorhänge etwas zur Seite und machte daraufhin das Licht an. Ein Polizist vom Format „doppeltüriger Schrank“ stand mit einer Stablampe draussen und beleuchtete unsere verdatterten Antlitze.

Übernachten sei hier verboten, meinte der Uniformierte freundlich und machte uns überdies darauf aufmerksam, dass unser Sticker abgelaufen sei. Der Sticker, muss man wissen, ist so etwas wie die Verkehrsabgabe, und stellte wohl das grössere Delikt dar, als unser Nächtigen am Rande des Sportplatzes. Ausserdem, das musste auch der Uniformierte zugeben, gab es nirgends ein Schild, das Parkieren über Nacht untersagt hätte. Wir versicherten ihm, dass wir auf dem Weg nach Kalifornien seien, wo wir den Sticker erhalten würden, der im Übrigen bereits bezahlt war. Dies reichte dem Polizisten und er fuhr zurieden von dannen.

Um unsere Nachtruhe allerdings war es vorderhand geschehen. Aber wer steht schon freiwillig um 2.00 Uhr auf?

Erfrischender Gewinn

Als ob es momentan nicht kühl genug wäre, wartet die Firma Kleenex mit einem ganz besonderen Hauptpreis in ihrem Wettbewerb auf.

Eine Übernachtung im Tiefkühlschrank.  Wortwörtlich:
„Eine Romantik-Übernachtung im Iglu-Dorf für zwei Personen.“

Danke vielmal, das muss wirklich nicht sein. Selbst wenn ich vom Hörensagen weiss, dass es „gar nicht soooo kalt wird“ in einem Iglu, ziehe ich ein richtiges Bett in einem richtigen Gebäude vor. Denn wie romantisch kann eine Nacht schon sein, die man/frau nur dank Mütze, Handschuhen und Liebestötern übersteht?

Die erste Nacht

Unser erstes Mal fand in einem betagten VW-Camper mit Hochdach statt.

* P A U S E T A S T E *

Pfui, doch nicht was ihr denkt!
Wenn ihr weiterlest, werdet ihr schnell merken, dass wir damals grössere Sorgen hatten, als die Federung des klapprigen Busses zu testen.

* P A U S E T A S T E *

Das schlammgrüne Objekt der Begierde wurde uns von Freunden im temporären Austausch gegen unseren PW zur Verfügung gestellt. Es sollten die ersten gemeinsamen Ferien meines zukünftig innig geliebten Mitbewohners und mir werden. Frohen Mutes fuhren wir mit dem VW-Bus an einem sommerlich warmen Freitagabend Richtung Genua. Kurz nach Mailand passierte es. Pffft – Plattfuss vorne rechts, Karkasse total zerfetzt. Das ist schon mit dem eigenen Fahrzeug ein Ärgernis, wenn man mit einem geliehenen Wagen unterwegs ist, verkommt es unter Umständen zum Alptraum. Wir orteten das notwendige Werkzeug unter der Sitzbank des Beifahrers und konnten so in Kürze den Radwechsel vornehmen. Was wir aber nicht bedacht hatten: Wir standen in der Abenddämmerung am Rande eines Reisfelds. Als wir wieder einstiegen, schwirrten uns Dutzende von Moskitos um die Ohren. Da wir weder eine Fliegenklatsche ausmachen konnten, noch einen Insektenvernichtungs-Spray fanden, nahmen wir den fast aussichtslosen Kampf gegen die Blutsauger mit einem Stück Vorhang auf. Wir würden den Ort nie mehr finden, wo wir unsere erste Nacht in einem Campingfahrzeug verbrachten. Aber ihr könnt mir glauben, dass jene Nacht sehr kurz und sehr unruhig ausfiel. Als wir schliesslich in Korsika von der Fähre rollten, mussten wir zuerst einen neuen Reifen auftreiben, bevor Ferienstimmung aufkommen konnte.

Damit wir uns nicht zu sehr in Sicherheit wiegten, überraschte uns das Fahrzeug laufend mit neuen Mätzchen. Einmal stieg die Wasserpumpe aus, das nächste Mal riss das Kupplungskabel. Stets fanden wir das für die Reparatur nötige Ersatzteil mitsamt dem Werkzeug unter der besagten Sitzbank vor.

Angesichts dieser vielen Pannen in so kurzer Zeit mag es verwundern, dass wir uns nicht entsetzt von diesem neu entdeckten Hobby abwandten und beschlossen, fortan in Hotels Ferien zu machen. Doch es war schon immer mein Wunschtraum gewesen, mit einem Camper zu verreisen. In all den Jahren, als ich auf dem Campingplatz versuchte, Zeltheringe gerade in den Boden zu schlagen, schielte ich stets schwärmerisch und auch ein wenig neidisch zu den Campingbussen rüber. Wie grenzenlos musste die Freiheit mit einem solchen Fahrzeug sein! Bereits als Kind hatte ich mit Legosteinen Wohnwagengrundrisse entworfen. Hätte es damals schon Barbie- und Playmobil-Wohnmobile gegeben – ich hätte mit Sicherheit eins im Kinderzimmer gehabt.

Bald zwei Jahrzehnte nach unserer pannenvollen Premiere sind wir immer noch und trotz allem mit Leib und Seele Camper-Reisende. Mehr als 2’000 Mal haben wir bereits in einem Campingfahrzeug geschlafen. In einer kleinen Serie werde ich euch die diversen Fahrzeuge und das damit verbundene Abenteuer der allerersten Übernachtung in einem neuen Fahrzeug vorstellen.