Unheilbar reisekrank

Wir haben in den vergangenen Tagen viel, viel Asphalt gesehen. Kilometerweise. Von sehr unterschiedlicher Qualität. Wir haben Grossstädte umfahren und extrem menschenleere Gegenden traversiert. Wir haben morgens geheizt und am Nachmittag die Klimaanlage laufen gelassen. Wir haben mitverfolgt, wie sich die Vegetation mehrmals von Grund auf verändert hat. Wir haben Maisfelder gesehen, Reben, Getreide, Oliven- und Zitrusplantagen. Wir haben Rinder und Schafe auf ausgetrockneten Weiden „grasen“ sehen. Und ich habe so viele Störche gesehen, dass ich davon beinahe schwanger geworden wäre.

Nun sind wir in unserem Ferienland angekommen. Nach 2’300 Kilometer quer durch halb Europa haben wir den Süden Portugals erreicht. Man kann sich natürlich fragen, ob es Sinn macht, an so vielen schönen Orten vorbeizufahren, um ein derart weit entferntes Ziel anzuvisieren. Diese Frage haben wir uns beim Kilometerfressen der vergangenen Tage auch gestellt. Aber das Reisefieber hat uns nun mal gepackt – schon vor Jahren. Wir sind infiziert. Unheilbar reisekrank.

Wo andere ins Flugzeug steigen für einen Ferienreise nach Zypern, Andalusien oder die Malediven sind wir lieber mit dem Wohnmobil unterwegs. Welche Art des Reisens mehr CO2 verursacht, sei dahingestellt. Aber immer nur daheim ums Haus rum schleichen ist ja wirklich nicht das Gelbe vom Ei.

Eins ist jedenfalls klar: Autobahnen haben wir vorläufig genug gesehen.

Schlechter Start

Bonjour! Unser erster Übernachtungsplatz in Frankreich war reichlich unspektakulär, um nicht zu sagen etwas gar unlauschig. Eingeklemmt zwischen dem Feuerwehrgebäude, einer Quartierstrasse und einem weiteren Ökonomiegebäude hat die Ortschaft Cuiseaux einen offiziellen Stellplatz mit Wasserhahn, Entsorgungsmöglichkeit und selbst Steckdosen eingerichtet. Dort haben wir uns zu fünf weiteren Womis gestellt. Sicher nicht der Ort, wo wir lange bleiben möchten, aber wenn man erst am Abend einfährt und am Morgen weiterzieht, spielt das keine Rolle. Trotzdem staunen wir immer wieder, wie so scheinbar bedeutungslose Dörfer wie dieses Cuiseaux nördlich von Bourg-en-Bresse touristische Infrastruktur bereitstellen.

Auf unserer Fahrt Richtung Westen haben wir heute bei Maçon einen Stein erwischt. Unsere nigel-nagel-neue Frontscheibe hat eine sternförmige Kerbe! Selten hat das Wort Sch….eibenkleister besser gepasst…

Nein, kein Adler am Himmel. Leider eine Kerbe in unserer Windschutz-Scheibe, die erst vor wenigen Wochen ersetzt wurde.

 

Über Charolles, Moulins, Montmaraul haben wir Evaux-les-Bains als erstes Ziel angesteuert. Die Strasse ist gut ausgebaut, ab und zu doppelspurig. Am Weg gibt es erfreulich wenig Zivilisation, dafür viel Wälder und Landwirtschaft. Im Evaux-les-Bains wird in bescheidenem Rahmen dem Gesundheitstourismus gefrönt. Das Thermalbad hat allerdings schon bessere Zeiten erlebt und nur weil hier angeblich die Römer schon geplanscht haben, müssen wir uns ja nicht vom Heilwasser beeindrucken lassen.

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Von hier aus wollen wir morgen eine Velotour machen. Dazu muss allerdings das Thermometer einige Grad wärmer als heute anzeigen. Auch auf den kühlen Nordwind können wir bestens verzichten. Immerhin war es bei uns heute den ganzen Tag trocken und vorhin durften wir einen herrlichen Sonnenuntergangs betrachten. Ja, die Ferienstimmung stellt sich allmählich ein.

Ich in mir

Die Flohnerin in mir hat heute erst mal ausgeschlafen und dann gemütlich gefrühstückt.

Die Hausfrau in mir hat acht Gläser Nektarinen-Konfitüre gemacht.

Die Putzfrau in mir hat das Abstauben auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Bäckerin in mir hat einen prächtigen Sonntags-Zopf gemacht.

Die Sportlerin in mir ist mit dem Rennvelo 70 Kilometer weit gestrampelt.

Der Bünzli in mir hat sich über die rücksichtslose Fahrweise gewisser Automobilisten aufgeregt.

Die Geniesserin in mir hat nach der Velotour ohne Reue ein Stück Melonen-Quark-Torte verdrückt.

Die Gärtnerin in mir hat etwas an den Blümchen herumgezupft.

Das Faultier in mir hat den ganzen Abend vor dem Fernseher verbracht.

Die Ehefrau in mir hat mal wieder ein schlechtes Gewissen, weil sie vermeintlich den Mann vernachlässigt beim Bloggen.

Die Bloggerin in mir hat gesiegt.

Du sollst nicht …

Verbotstafeln begleiten uns auf Schritt und Tritt. Auch auf meinem heutigen Spaziergang bin ich auf eine gestossen. Ist eigentlich bedenklich, dass der gesunde Menschenverstand längst nicht mehr ausreicht, das Zusammenleben zu regeln.

Mitten im Wald, wo es eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass man keinen Abfall wegschmeisst (man bedenke: schliesslich hat man das Zeugs ja hingetragen, wieso also nicht wieder mitnehmen), weist eine Tafel die Ignoranten darauf hin, dass sie nichts wegschmeissen sollen. Als ob das viel nützen würde!

Aber wenn wir schon grad bei Verboten sind, die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Du sollst nicht

  • Den vollgekackten Robi-Dog-Sack unter dem Gestrüpp verstecken.
  • Deine leergesoffene Bierflasche im Wald entsorgen.
  • Mit dem Bike Wanderer über den Haufen fahren.
  • Die Sitzbank kurz und klein schlagen.
  • Den Picknick-Platz zur öffentlichen Besäufnis-Stätte umfunktionieren.
  • Deinen Weihnachtsbaum in eigener Regie fällen.
  • Den Bach mit Schaumbad parfümieren.
  • Deine ausgedienten Geranien im Wald aussetzen.
  • Die Verbotstafel umwerfen.

Dank den vielen Chaoten, die unser schönes, aber leider etwas überbevölkertes Land bewohnen, sind solche Tafeln offensichtlich nötig. Aber vielleicht haben die Verbote tatsächlich etwas bewirkt. Sonst wäre ich heute auf meinem Spaziergang vielleicht nicht auf Steinpilze gestossen. Der Schmetterling hätte eine andere Blumenwiese anfliegen müssen. Und der Grünspecht hätte sich einen anderen Baum zum hämmern ausgesucht.

Endlich mal wieder!

Normalerweise haben wir um diese Jahreszeit eine vierstellige Zahl auf dem Kilometerzähler. Doch 2010 ist irgendwie alles anders. Angefangen hat es mit dem üblichen Frühlings-Dilemma. Skifahren, aufs Velo, oder vielleicht doch eine nette Wanderung? Dann war mehr oder weniger der ganze Mai schlechtes Wetter. Ab Ende Mai bis Mitte Juli waren wir mit dem Wohnmobil unterwegs. Die Strassen waren weder in Ungarn, noch Slowakien oder Tschechien besonders einladend für eine Tour mit dem Rennvelo. Und so sind wir heim gekommen mit lächerlichen 500 Kilometern auf dem Zähler.

Zugegeben, wir sind etwas wählerisch, wenn es um eine Radtour geht. Wir wollen uns nicht verregnen lassen und lange Wäsche mögen wir im so genannten Sommer auch nicht anziehen. Doch heute hat es selbst für unseren Geschmack wieder mal gepasst. Wenn man mal grosszügig darüber hinweg sieht, dass erst kurz vor Mittag angenehme Temperaturen Einzug hielten.

Rennvelo fahren ist ein toller Sport. Ich habe ihn erst durch meinen innig geliebten Gümmeler kennen gelernt. Vorher hatte ich irgendein Einkaufsvelo und eine schittere Geiss von einem Mountain-Bike. Ich musste lernen, mit Klickpedalen zu fahren. Ich musste lernen, 2 x 7, später sogar 3 x 9 Gänge zu schalten. Ich musste lernen, Windschatten zu fahren. Ich musste lernen, fahrend eine Banane zu essen. Ich musste lernen, meine Kräfte einzuteilen. Ich habe alles gelernt! Und es hat mir immer mehr Spass gemacht.

Beim Velofahren ist man ganz nahe an der Natur. Man sieht Dinge, die man vom Auto aus nie sehen würde. Wenn man im kleinsten Gang einen Pass hinauf schnaubt, hat man viiiel Zeit, sich umzusehen. Heute habe ich den kleinsten Gang nie gebraucht. Die heutige Runde ist eine unserer Standard-Runden. Aber auch auf dieser gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Der Schmetterling jedenfalls, der mich einige Flügelschläge lang begleitet hat, war letztes Mal nicht dort. Auch die Baustellen ändern ihr Gesicht ständig. Felder werden abgemäht, mitten auf dem Veloweg steht ein Traktor.

Unsere Gegend ist ein Paradies zum Velo fahren. Ein mitunter etwas ruppiges zwar. Doch für etwas gehen wir ja 2 x in der Woche ins Krafttraining.