Öfters mal Panne (28)

… oder: Aufgeladen

War es Glück? War es dem Geschick meines innig geliebten Mitreisenden zu verdanken? Oder war es einfach nur Zufall? Auf all unseren Reisen, die uns mitunter durch sehr abgelegene Gegenden führten, kamen wir nur ein einziges Mal in den Genuss, unser Fahrzeug abschleppen zu müssen.

Das Kataströphchen ereilte uns im Nordwesten der USA, im Staate Washington. Grundsätzlich waren wir dort bei der Schwester des Mitreisenden untergebracht. Eine willkommene Abwechslung, mal wieder einen „festen Wohnsitz“ zu haben nachdem wir bereits mehrere Monate unterwegs gewesen waren. Weshalb wir mit dem eigenen Fahrzeug ausrückten, wo doch in der Garage ein 68er Cougar stand (was für eine Rennmaschine, des Mitreisenden Entzücken kannte keine Grenzen!), weiss ich nicht mehr. Tatsache ist aber, dass wir wenige hundert Meter von der Haustüre entfernt stehen blieben. Einfach stehen blieben. Der Motor war töter als tot; das Zündsystem erhielt keinen Strom mehr. Wir gingen zu Fuss zur Garage an der Ecke, aber der dortige Mechaniker konnte unser Auto auch nicht mehr in Gang bringen. Obschon es kaum zweihundert topfebene Meter von unserem erschlafften Fahrzeug bis zur Reparaturwerkstatt waren, durfte der Camper nicht abgeschleppt werden. Die Amerikanische Gesetzgebung sieht in so einem Fall vor, dass das Auto aufgeladen werden muss.

Die Schadensaufnahme ergab schliesslich, dass unsere Steuerungs-Elektronik in die Jahre gekommen war und ersetzt werden musste. So oxidiert, wie das Ding war, grenzte es an ein Wunder, dass wir überhaupt jemals den Motor anlassen konnten.

Mit neuer Elektronik aufgewertet begleitete uns unser Dodge Campervan noch monatelang durch ganz Nordamerika bis hoch nach Alaska und im folgenden Winter runter nach Mexico. Nicht auszudenken, wenn die Elektronik bei den Mexis ausgestiegen wäre. Die sind zwar Weltmeister im Flicken und Improvisieren, aber vor derartiger Technik hätten wohl auch sie kapitulieren müssen.

Komm an Bord!

Spätestens als wir Kanada von West nach Ost durchquert hatten merkten wir: Ohne Boot kommt man in diesem Land nicht weit. Viele schöne Orte waren weder von der Strasse noch von einem Wanderweg aus erreichbar. In Kanada hat es viele Parks, in denen das grosse Volk mit Kanus oder Kajaks (den Unterschied lernte ich erst dort) unterwegs war. Oft tagelang und auf eigentlichen Wasserstrassen in der Abgeschiedenheit unberührter Natur. Da wir nicht mit Flügeln ausgestattet waren und weder mein innig geliebter Mitreisender noch ich Langstreckenschwimmer sind, blieb uns meist nur das Nachsehen. In einzelnen Fällen mieteten wir ein Boot, stellten uns aber insgesamt eher ungeschickt an.

Als ein paar Monate später der Entschluss feststand, dass wir – in der Zwischenzeit waren wir bis nach Florida vorgerückt – im folgenden Sommer nach Alaska fahren würden, musste etwas geschehen. Irgendeine Gondel musste her. Aus Platzgründen entschieden wir uns für ein aufblasbares Kajak. Mit diesem wollten wir die Weltmeere erobern. Oder so ähnlich, wir merkten nämlich bald, dass das Kajak nicht nur zu kurze Paddel hatte, sondern durch seinen flachen, breiten Boden auch ziemlich schwerfällig zum Manövrieren war.

In der Folge überlegten wir uns zuerst immer gründlich, ob wir das Boot überhaupt aus unserer Dachbox hervorzaubern und aufpumpen wollten. Insgesamt war die gelbe Gondel in 1 ½ Jahren kaum mehr als zehnmal im Einsatz. Als wir dann noch mitten in der Wüste die gesetzlich vorgeschriebenen Schwimmwesten verloren (die Geschichte dazu gibt es hier), war das Schicksal der gelben Gefahr schon beinahe besiegelt. Die letzte Paddeltour absolvierten wir in Mexico, in einer ruhigen Bucht. Dort quatschte uns ein amerikanisches Ehepaar an, das „ganz genau dieses Boot schon sehr lange suchte“. Der Mitreisende und ich witterten Morgenluft und offerierten den Beiden kurzerhand, das Boot Probe zu fahren. Für hundert Dollar verscherbelten wir den Kahn, dem wir keine Sekunde nachtrauerten. Wir sind halt doch Landratten und insbesondere mir ist es definitiv wohler, wenn ich festen Boden unter den Füssen habe.

Trockentraining in einem State Park in Florida. Damals waren wir noch ganz euphorisch über unsere Errungenschaft.

Öfters mal Panne (9)

… oder: Schmieren und salben hilft allenthalben

Die schönsten Pannen sind die, die man vermeiden kann. Stimmt’s? „Vorbeugen“ heisst das Gebot der Stunde und darunter fällt selbstverständlich auch ein regelmässiger Ölwechsel.

In Amerika fährt man dazu nicht in eine Markenvertretung, sondern steuert den nächsten „Oil and Lube Service“ an. Und zwar ohne vorherige Anmeldung und meist auch ohne Wartezeiten. Man stellt sich vor eines der Tore und bald schon erhält man – auch mit einem Wohnmobil, sofern es nicht gerade die 9-Meter-Marke ankratzt – Einlass. Man wird auf einen Gitterrost eingewiesen und sofort erscheint ein freundliches Gesicht unter der Fahrertüre: „Hi, what can I do for you today?“ Man äussert seine Wünsche – in unserem Fall mindestens Motorenöl und Filter wechseln, alle Flüssigkeiten prüfen und die beweglichen Teile schmieren. Dann macht man das, was die Amerikaner am liebsten tun: Man bleibt im Auto sitzen. Aussteigen darf man aus versicherungstechnischen Gründen ohnehin nicht. Man könnte sich ja das weisse Höschen dreckig machen. Oder über einen vergessenen Schraubenschlüssel stolpern und die Firma verklagen wollen.

Während in der Grube unter dem Auto gewerkelt wird, erhält man eine Tageszeitung und einen dünnen Kaffee. Was sich unter dem Auto abspielt, kann man auf einem Monitor exakt mitverfolgen. Jeder Schritt wird lautstark dokumentiert, während oben der „Chefmechaniker“ gewissenhaft eine Checkliste abhakt. Absolut filmreife Szenen!

Weil mein innig geliebter Mitreisender schnell herausgefunden hatte, dass die Arbeiter nur die gut zugänglichen Schmiernippel schmierten, liess er sich jeweils eine Sondergenehmigung erteilen, fasste einen Helm und durfte in die Grube unter unserem Camper hinabsteigen. Dann zeigte er, wo noch überall geschmiert werden musste. Man muss schliesslich einen alten Mechaniker nicht lernen, wie er sein Auto instand halten muss!

Der ganze Ölwechsel dauerte in der Regel eine gute Viertelstunde und kostete einen Bruchteil von dem, was man hierzulande dafür bezahlt.

Weil ich damals nicht wusste, dass ich jemals einen Blog führen würde, ja nicht mal wusste, was ein Blog überhaupt ist, gibt es auch kein Bild eines solchen amerikanischen Mini-Service. In Anlehnung an die filmreifen Szenen, die sich dabei abspielten, dieses Bild, aufgenommen an unserem ersten Ausflug in Kalifornien in die Universal Filmstudios.

Let’s party!

Halloween – das Fest hat sich ja gottseidank nicht so etabliert bei uns, wie es die Anbieter von Fledermauskostümen und Kürbisfratzen gerne gehabt hätten.

Ganz anders in Amerika, dort wird heute gefeiert was das Zeug hergibt. Jedenfalls dort, wo Sandy nicht ihr Unwesen trieb.

Als wir in den Tagen vor dem ominösen Fest durch den Osten der USA kurvten, waren an allen Ecken und Enden Hinweise für Halloween-Parties angebracht. Nicht, dass wir uns davon angesprochen gefühlt hätten. Aber man konnte das Fest schlicht nicht ignorieren.

Ein Schmunzeln löste deshalb auch eine Tafel aus, die von einer der in Amerika zahlreich vorhandenen Kirchen (denen man die „Kirche“ nach unserem Verständnis allerdings selten ansieht) prangte und mit folgenden Worten geschmückt war:

Ohne Zweifel, hier handelt es sich um einen Fake.
Dieses Gotteshaus steht selbstverständlich nicht in Amerika, sondern in Italien.

Öfters mal Panne (3)

Der Bryce Canyon ist das Ziel vieler USA-Reisender. Völlig zu Recht. Das Gewirr von erodierten Sandsteinfelsen ist einzigartig. Wir kamen in den Genuss, die Felsen im Abendlicht blank und am folgenden Morgen mit einem Schneehäubchen zu sehen. Diesen Genuss hatten wir allerdings mit einem gewissen körperlichen Unbehagen bezahlt.

Denn weil wir in unserem Camper praktisch die ganze Nacht durchgeheizt hatten, war am Morgen die Gasflasche leerer als leer. Im Klartext hiess das: schlottrige Temperaturen nicht nur draussen, sondern auch im Fahrzeuginneren, kein Warmwasser für die Körperpflege, kein Kaffee. Das Daunenduvet hochzuschlagen bedurfte an diesem Morgen besonderer Tapferkeit. Wir befanden uns zwar auf einem Campingplatz, aber dieser war ohne grosse Infrastruktur. So mussten wir aus dem Park in eine Lodge fahren, wo man uns die Flasche wieder füllte. Damals waren wir noch Greenhorns, erst gut 1 ½ Monate mit dem Camper unterwegs. Doch die Erkenntnis wuchs allmählich heran: Gewisse Sachen dürfen in einem Wohnmobil nie, gar nie ausgehen. Wasser, Benzin, Gas und Kaffeepulver. Unsere eher klein dimensionierte Gasflasche würden wir in Zukunft besser im Auge behalten und nötigenfalls auch füllen, wenn sie noch nicht mal halb leer war.

Um eine wichtige Erfahrung reicher verliessen wir die Lodge, in der Leute hausten, die einen gänzlich anderen Lebens- und Reisestil pflegten als wir. Einem Ausflug ins Märchenland des frisch verschneiten Bryce Canyons stand nur noch die eigene Unzulänglichkeit im Wege.

Amerikanische Horizonte (2)

Where do you come from?

Switzerland.

Oh, Sweden, nice country!

Anfänglich hatte ich noch versucht, dieses Missverständnis aufzuklären. Doch irgendwann gab ich es auf, die Amerikaner belehren zu wollen. Sie werden es nämlich nie und nimmer begreifen. Für sie ist alles östlich des Atlantiks mehr oder weniger dasselbe. Ein Land (Europe), eine Sprache (english), eine Währung (Dollar).

Nicht Holland, nicht Schweiz, nein: Schweden. Windmühle auf der Insel Öland

Die Lauscher der heiligen Rita

Auf unserer damaligen Reise durch die USA war ein Besuch im Big Bend Nationalpark nahe der mexikanischen Grenze absolute Pflicht. In dieser knochentrockenen Gegend blühen und gedeihen Kakteen besonders prächtig. Seit vielen Jahren schon begeistern mich die sukkulenten Pflanzen, auch wenn sie mitunter unangenehm anhänglich sein können.

Wie wir so an den teils hüfthohen Kakteen vorbeistelzten, packte mich plötzlich eine Idee, die mich nicht mehr los liess. Ich wollte ein paar Kaktus-Ohren nach Hause schicken. Da wir selber noch für unbestimmte Zeit unterwegs sein würden, musste jemand anders als Gärtner hinhalten. Da kam mir meine Kaktus-begeisterte Freundin Rita grad richtig. Bestimmt hätte sie Freude an einem stacheligen Gesellen. Zwecks Umsetzung dieser irren Idee kämpfte ich mich mit meinem innig geliebten Mitreisenden ein paar Meter abseits der Strasse durch die kratzbürstige Landschaft.

Wir brachen mit spitzen Fingern drei Handteller grosse Ohren von einer Pflanze ab. Auf dem Post Office direkt im Nationalpark kauften wir eine Kartonverpackung, die eigentlich für Video-Kassetten vorgesehen war, stutzten die ärgsten Stacheln zurück und schickten das Ganze als T-Shirt deklariert nach Hause.

Rita, die Empfängerin der vermeintlich textilen Sendung, war ein Jahr zuvor selber in diesem Nationalpark unterwegs gewesen und hatte genau diese Kakteenart von allen Seiten fotografiert. Die Unverfrorenheit, ein Ohr mitzunehmen, besass sie allerdings nicht. Nicht ganz zu Unrecht, denn in einem amerikanischen Nationalpark fällt man bereits unangenehm auf, wenn man nur schon einen Stein aufhebt. Kommt hinzu, dass Rita damals mit dem Velo unterwegs und nicht wirklich auf Topfpflanzen eingestellt war.

Aus zuverlässiger Quelle habe ich längst herausgefunden, dass meine geschätzte Freundin beim Öffnen des Pakets beinahe der Schlag traf. Doch sie überwand den Schock und pflanzte die drei Lauscher ein. Da sie alle überlebten, durfte ich nach unserer Rückkehr in die Heimat ein gut angewachsenes Opuntien-Ohr in meine bescheidene Kakteen-Sammlung aufnehmen.

Was ich erst viel später erfahren habe: Der Kaktus heisst mit korrektem botanischem Namen Opuntia santa-rita. Eine Heilige ist meine Rita nicht gerade, aber der illegalen Einwandererin, die mittlerweile seit 12 Jahren hier lebt, gefällt es in ihrer neuen Heimat so gut, dass sie mich Jahr für Jahr mit ihren zauberhaften Blüten beglückt.

Schrecken in Uniform (11)

Bei der Wahl eines Übernachtungsplatzes ist es nicht das Gleiche, ob man vierzehn Tage Ferien oder mehr oder weniger unbeschränkt Zeit für eine Reise hat. Früher konnte ich es mir auch nie vorstellen, dass ich einmal auf einem hundskommunen Parkplatz übernachten würde. Zu Zeiten, als wir noch mit unseren spärlichen paar Wochen Ferien auskommen mussten, übernachteten wir mit dem Campingbus entweder auf einem Campingplatz oder – viel lieber – an einem idyllischen Ort in der freien Natur.

Das Blatt wendete sich, als wir mit unserem Campervan durch Nordamerika kurvten. Zeitlos, ohne gültiges Flugticket zurück in die Heimat, frei wie die Vögel. Es lag schlicht und ergreifend nicht drin, jeden Abend 20 Dollar und mehr für einen Campingplatz auszulegen. Wenn wir uns nicht in einem Nationalpark aufhielten, wo freies Stehen nicht möglich war, suchten wir wenn immer möglich einen kostenlosen Übernachtungsplatz. Das konnte bei einem Supermarkt sein (bevorzugt Wal-Mart), auf einem Wanderparkplatz, bei einer Sehenswürdigkeit oder ähnliches.

Stets beachteten wir allfällig vorhandene Verbotsschilder. „No overnight parking“ hiess es meistens. Mit unserem – im Vergleich zu den amerikanischen Wohngondeln – kleinen Fahrzeug konnten wir noch halbwegs unauffällig an einem Parkplatzrand stehen. Halbwegs.

Eines Abends im Staate Nevada hatten wir am Rande einer Sportanlage geparkt. Mitten in der Nacht – wüa-wüa-wüa! Na ja, wir waren jedenfalls sofort hellwach. Das Horn des Polizeiautos konnte nicht ignoriert werden. Es klopfte an der Türe. Mein innig geliebter Mitreisender schob die Vorhänge etwas zur Seite und machte daraufhin das Licht an. Ein Polizist vom Format „doppeltüriger Schrank“ stand mit einer Stablampe draussen und beleuchtete unsere verdatterten Antlitze.

Übernachten sei hier verboten, meinte der Uniformierte freundlich und machte uns überdies darauf aufmerksam, dass unser Sticker abgelaufen sei. Der Sticker, muss man wissen, ist so etwas wie die Verkehrsabgabe, und stellte wohl das grössere Delikt dar, als unser Nächtigen am Rande des Sportplatzes. Ausserdem, das musste auch der Uniformierte zugeben, gab es nirgends ein Schild, das Parkieren über Nacht untersagt hätte. Wir versicherten ihm, dass wir auf dem Weg nach Kalifornien seien, wo wir den Sticker erhalten würden, der im Übrigen bereits bezahlt war. Dies reichte dem Polizisten und er fuhr zurieden von dannen.

Um unsere Nachtruhe allerdings war es vorderhand geschehen. Aber wer steht schon freiwillig um 2.00 Uhr auf?

Der Eidgenossen neustes Schmusetier

Lieber M13

Da bist du nun also! Seit einer Woche hältst du dich nachweislich im Unterengadin auf. Keine gute Standortwahl, würde ich meinen. Denn trotz EU-weitem Personenfreizügigkeitsabkommen (das deinesgleichen meines Wissens nicht explizit ausschliesst), wird bereits Jagd auf dich gemacht. Einerseits von sensationslüsternen Fotografen und andererseits von offizieller Stelle. Wenige Tage nach deinem Auftauchen wurdest du schon mit einem Senderhalsband bestückt. Nun kann man lückenlos verfolgen, wo du dich gerade herumtreibst. Kann herausfinden, ob du zum „Problembären“ mutiert bist.

Denn dein Verständnis von einem Selbstbedienungsladen ist bei der unterengadiner Bevölkerung auf wenig Gegenliebe gestossen. Die Ziege, die du gerissen hast und die paar geplünderten Bienenstöcke wurden in allen Medien gezeigt. Gemäss dem „Konzept Bär Schweiz“ (he ja, so etwas gibt es!) werden nun Vergrämungsmassnahmen eingeleitet. Du sollst deine natürliche Scheu vor uns Menschen wiedererhalten und wir sollen dir im Gegenzug kein Teddybären-Image andichten.

Drum nennt man dich auch nur M13 und gibt dir keinen richtigen Namen. Ihr Bären werdet jetzt einfach fortlaufend nummeriert. M für männlich, 13 weil du der 13. Bär bist. Oder so. Ich finde, M13 tönt wie ein Protagonist aus Star Wars. Und ein kleiner Filmstar bist du in den vergangenen Tagen zweifellos geworden.

Wenn ich dich wäre, lieber M13, würde ich auf Ruhm und Ehre eines Promis verzichten und schleunigst das Weite suchen. So sehr es von Seite der Naturschützer immer wieder behauptet wird, in unserem Land hat es keinen Platz mehr für Bären. Zu sehr nehmen wir Menschen den Raum in Anspruch. Ich habe gesehen, wie deine Artgenossen in Nordamerika leben. Konnte sie beobachten, wie sie sich mit Lachsen vollfrassen. Sah sie am Strassenrand, wo sie regelrecht grasten wie die Kühe. Kein Elektrozaun hielt sie in Schranken, kein Aufhebens in den Medien wenn ein Petz die Strasse überquerte.

Auch wenn du bärenstark bist, muss ich dir leider sagen, dass die Menschen Mittel und Wege gefunden haben, dich zu besiegen. Beherzige meinen Rat und zieh rechtzeitig Leine. Denn sonst werden wir dich früher oder später wie deinen Artgenossen Bruno ausgestopft in einem Museum „bewundern“ können.

Nein, das ist nicht M13 mit seinem kleinen Bruder sondern eine Schwarzbärin mit ihrem Jungen, aufgenommen in Hyder/Alaska, beim Lachs Fressen.

Die dritte erste Nacht

Da sassen wir also mitten in unseren Kartonschachteln und Einkauftaschen. Über der Millionenstadt hatte sich der Mantel der Nacht gelegt; angeblich regnet es zwar nie in Kalifornien, finster wird es jedoch alleweil. In uns selber wütete der Jetlag, die Anstrengung eines vollbepackten Tages und die Verarbeitung zahlreicher Eindrücke.

Wir standen am Anfang unserer Traumreise. Gestern noch hatten wir den Schlüssel in unserer Haustüre für längere Zeit zum letzten Mal gedreht. Dann der Flug nach L.A., eine Nacht im Hotel und anschliessend der grosse Moment: Wir sahen erstmals unseren Camper in Echtgrösse. 1999 hatte es fast noch etwas Pionierhaftes an sich, einen Camper übers Internet zu buchen. 5,7 nicht enden wollende Meter, das war ri-i-i-iesig im Vergleich zu unserem VW-Bus, den wir bis vor kurzem noch besessen hatten.

Nach der Übernahme des Fahrzeugs begann das grosse Einkaufen, das sich noch über mehrere Tage hinwegziehen sollte. Wir hatten ja weder Geschirr noch Töpfe, keine Toilettenwäsche und noch nicht mal Toilettenpapier. Wir stopften unsere Einkäufe in den reichlich vorhandenen Platz rein. Am Ende des ersten Tages war in unserem Camper alles überstellt. So ähnlich muss es bei Messies aussehen. Bei ordentlichen Messies vielleicht, denn der Grossteil unserer Habe befand sich noch in Kartonschachteln, mit denen wir unsere Habe über den Atlantik transportiert hatten.

Wohin mit all dem Zeug? Wie sollten wir den Stauraum nützen? Wir verräumten alles erst mal provisorisch in die Schubladen und Schrankabteile, denn wir waren nudelfertig. Wir arbeiteten uns genau so lange durch unser Gepäck vor, bis wir auf unser Bettzeug stiessen. Die Erlösung! Selten habe ich so gut in einer so grossen Unordnung geschlafen. Dass der Dockweiler RV Park unmittelbar in der Abflugschneise des Flughafens lag, störte uns erst in den kommenden Tagen, denn die Kähne flogen so nah über uns hinweg, dass wir jede Schraube zählen konnten. Aber was spielte das für eine Rolle, wir würden diese schreckliche Grossstadt so bald wie möglich hinter uns lassen und die traumhaften Landschaften Amerikas erkunden.

Eine knappe Woche nach unserer Ankunft in Kalifornien waren wir startbereit. Wir hatten einen Grossteil unserer Ausrüstung beisammen. Klar stellte sich im Nachhinein heraus, dass das eine oder andere fehlte, wie beispielsweise eine Bärenlampe. Aber sicher kam uns zu Gute, dass wir schon zu Hause mit einem Campingfahrzeug Erfahrungen gesammelt hatten. Es sollten noch mehr dazukommen, als uns teilweise lieb war.