Ein Beet voller Rosen für meinen Mann

Noch immer fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten. Umso mehr, wenn sie wirklich ernst gemeint ist und nicht nur einer dahingeworfenen Floskel abgedroschener Gewohnheit entspricht.

Noch immer fällt es mir schwer, heiter und frei von – weitgehend hausgemachten – Schuldgefühlen “ja” zu sagen. Ja zu der Frage, wie es mir geht.

Noch immer denke ich, man erwarte von mir ein leidvolles Gesicht. Man erwarte von mir – weniger als ein Jahr nach dem Tod des Menschen, der mir in den letzten 24 Jahren immer zur Seite stand – dass es mir einfach noch nicht gut gehen KÖNNE.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht mir gut. Und das habe ich zu einem grossen Teil dem Menschen zu verdanken, der in meinem Herzen weiterlebt. Durch unseren grossen Altersunterschied lag es nahe, dass ich – selbst wenn der Krebs nicht so erbarmungslos zugeschlagen hätte – eines Tages allein sein würde. Über all die Jahre hat mein Mann mich durch seinen starken Charakter, seinen Humor und seine Einstellung subtil auf die Zeit nach seinem Tod vorbereitet.

DSC08171Und so klingt es fast etwas pathetisch. Aber die Veränderungen, die in mir während der kostbaren Jahre an der Seite meines Mannes vor sich gegangen sind, helfen mir nun, den Alltag alleine zu bewältigten.

Dafür bin ich unendlich dankbar.

 

Was soll ich tun?

Es gibt Vieles, das ich an diesem prächtigen Frühlingstag hätte tun können.

  • Eine Wanderung unternehmen.
    Habe ich gestern gemacht.
  • Mich in einem Gartencenter von der Fülle und Blütenpracht inspirieren lassen.
    Muss noch warten. Und an einem Samstag tue ich mir das ohnehin nicht an.
  • Fenster putzen.
    Muss auch noch warten. Es soll ja nicht gut sein, wenn man die Scheiben bei Sonnenschein putzt.
  • Meine neue Fotokamera ausprobieren.
    Muss auch warten. Nicht so lange wie die dreckigen Scheiben, aber dennoch…
  • Mit einem Glas Prosecco auf das schöne Wetter anstossen.
    Das Glas steht unmittelbar neben dem Notebook.
  • Skifahren.
    Ist in der Pipeline.
  • Radfahren.
    Ähm… soll ich wirklich?

Genau Letzteres habe ich heute gemacht. Es hat mich etwas Überwindung gekostet. Nach fast zwei Jahren Abstinenz habe ich mich in einem symbolträchtigen Akt aufs Rennrad geschwungen. Symbolträchtig deshalb, weil ich für mich zuerst herausfinden will, ob das Hobby, das ich mit meinem Mann geteilt habe, auch mein Hobby bleibt. Früher war das Fahrrad für mich nur Transportmittel. Erst durch meinen Mann habe ich es als Sportgerät kennengelernt. Er, der selber von einem ehemaligen Veloprofi und mehrfachen Tour-de-France-Teilnehmer in die Geheimnisse des Radsports eingeweiht wurde, hatte mich sachte an das neue Hobby herangeführt. Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben wir gemeinsam Radtouren unternommen. Sind über hohe Alpenpässe, entlang  von tiefen Schluchten, über Hochebenen und Küstenstrassen gefahren. Entlang von Rebbergen, Olivenplantagen, Wasserfällen und den verhassten Rapsfeldern.

Es wird nie mehr sein wie früher. Aber der Fahrtwind um die Ohren hat sich heute gar nicht so schlecht angefühlt.

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Alltag auf Abwegen

Ich pflegte früher stets zu sagen, ich hätte nie Ferien, ich würde nur meinen Alltag an einem anderen Ort verbringen. Im Grunde genommen gilt diese Aussage noch immer, auch wenn der Alltag ein ganz anderer geworden ist.

Die ersten Ferien alleine. Ich hätte es nicht gekonnt. Aber die ersten Ferien zusammen mit einer lieben Freundin, das – so hoffte ich – würde mir den Übergang in mein neues Leben erleichtern.

Es ist ein spezielles Abenteuer, mit jemandem, den man vermeintlich gut, aber nur bei Tageslicht kennt, erstmals in die Ferien zu fahren. Meine Freundin hatte mir zwar schon früh, gewagt früh, gesagt, sie könnte sich sogar vorstellen, mit mir auf eine Weltreise zu gehen. Und das hatte sie verkündet, nachdem wir uns erst wenige Male gesehen, jedoch schon hunderte Male geschrieben hatten.

Nun sind wir also mitten in diesem neuen Abenteuer, zwar nicht auf einer Weltreise, jedoch immerhin so weit weg von daheim, dass ein Rückzug in die heimatlichen Gefilde mit einigem Aufwand verbunden wäre. Das Frauchen des Goldschätzchens, langjährigen Lesern dieses Blogs wird es allmählich bimmeln, hat uns eingeladen, einige Tage bei ihr im Nebenhaus zu wohnen.

Jawohl, richtig, wir sind in der Provence! Wir geniessen hier den tiefblauen Himmel und die warmen Temperaturen, während es daheim schon etwas nach Schnee riecht. Wir bummeln durch malerische Orte, setzen uns in ein Café, beobachten die Leute, essen gut, fläzen uns im Liegestuhl am Pool, geniessen auf allen Ebenen, was das Zeug hält.

Natürlich ist es anders. Nie mehr wird sein, was war. Meine Freundin und ich entdecken uns neu, lernen einander noch besser kennen. Ich weiss jetzt schon: Dieser Urlaub wird uns noch mehr verbinden. Wohl schläft sie am Morgen gerne länger als ich, braucht doppelt so lange im Bad, steigt mit beneidenswert eleganter Wäsche ins Bett und neigt mitunter zu schusseligem Getue. Dennoch weiss ich schon nach wenigen Tagen, dass wir nicht das letzte Mal zusammen in die Ferne gefahren sind.

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Bedenkzeit

Dem Einen oder der Anderen dürfte aufgefallen sein, dass es hier schon seit längerer Zeit nichts mehr zu lesen gab. Genau genommen habe ich mit meiner Blog-Abstinenz gerade einen neuen Rekord aufgestellt. Dass dieser nicht aus reiner Unlust und Faulheit entstanden ist – wen wundert’s.

Mein Leben fährt gerade Achterbahn. Stellt mir ständig neue Aufgaben. Lässt mich an der Gerechtigkeit zweifeln. Was mir bis vor wenigen Wochen wichtig war, ist in den Hintergrund geraten. Dazu gehört auch das Blog schreiben und bei befreundeten Blogs vorbeischauen.

Ich frage mich ernsthaft, ob ich diesen Blog weiterführen soll. Wo er doch in einem Leben entstanden ist, das es so für mich nicht mehr geben wird. In der digitalen Welt braucht es nur wenige Mausklicks, und schon ist das Werk von bald sieben Jahren mehr oder weniger gefreuter und gelungener Schreibarbeit vernichtet.

Das wahre Leben geht da etwas umständlicher ans Werk. Aber nicht weniger zimperlich.

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