Mit vier Beinen im Leben

Er stand regungslos auf einem Felsvorsprung und konnte nicht anders, als seinen Kopf schütteln ab dem, was weit unter ihm vorging. Wie immer um diese Jahreszeit musste sich der Steinbock in den entlegensten Winkel seines Reviers zurückziehen. Alles andere wäre unverantwortlich, ungesund, töricht gewesen.

Sie hatten sein Reich erobert, die bunt gekleideten Figuren aus dem Unterland. Hatten weder Mühe noch Aufwand gescheucht. Frühmorgens schellte sie der Wecker aus ihren Träumen, sie quälten sich Schicht um Schicht in ihre wärmenden Klamotten, quetschten sich in ihre Sardinenbüchsen, reisten karawanenmässig in Richtung Alpen. Auf dem Parkplatz schmiss es sie zuerst mal auf den Arsch, weil sie mit ihren Savannen-Huschern völlig unangebrachtes Schuhwerk trugen, doch wenn sie ihre Füsse in die Skischuhe gezwängt hatten, erging es ihnen auf dem hartgefrorenen Schnee nicht viel besser. Dann stellten sie sich in eine lange Schlange vor der Kasse und wenn sie erstmal für die ganze Familie einen Skipass erstanden hatten, waren sie nicht nur viel Geld los, sondern auch lediglich ein paar wenige Meter weiter auf dem Trampelpfad in Richtung der weiss-glitzernden Pisten.

Der Steinbock verstand nicht, warum sie im Winter alle in die Berge drängten. Dieser kalten, unfreundlichen Jahreszeit, wo das Futter knapp und das Gehen so beschwerlich war. Doch die dort unten schien das alles nicht zu stören. Wenigstens hatte er herausgefunden, dass sie ihm zwar den Raum, nicht aber das Futter streitig machten. So musste er halt jeden Abend warten, bis die Gestalten verschwunden waren, bevor er sein Revier betreten konnte. Besonders kälteresistent schienen die ohnehin nicht zu sein, verzogen sie sich doch zum Fressen meist ins Innere eines Gebäudes. Neuerdings hatten die Meisten etwas seltsam Hartes auf den Kopf. Hörner waren das nicht, dessen war sich der Steinbock ganz sicher. Sonst hätte er, wenn er allen seinen Mut zusammennahm, diese vorlauten Geschöpfe vielleicht in einem ehrlichen Kampf von Bock zu Bock aus seinem Revier vertreiben können.

Der Steinbock verdrängte seine Gedanken. Sie waren reine Energieverschwendung. Er wusste nur zu gut, dass er bei Begegnungen mit diesen Wesen immer den Kürzeren zog. Gerade wollte er sich abwenden, da ertönte ein lautes Geräusch. Er fuhr zusammen und duckte sich näher an die kahlen Felsen heran. An diesen rot-weissen Vogel am Himmel würde er sich nie gewöhnen. Mit einer Mischung aus Furcht und Neugierde beobachtete er aus sicherer Distanz, wie der Vogel zu einem Haufen aufgeregt winkender Figuren hinunter stach. Warum, so wunderte er sich zum x-ten Mal, lernten es die Viecher dort nicht, dass man in den Bergen auf vier Beinen besser aufgehoben war als auf zwei.