Andere Länder – andere Sitten (2)

Wäscheleine der anderen Art

Man muss noch nicht mal das Land bereist haben, um zu erahnen, dass die Uhren im Mexiko anders ticken als bei uns. Wenn sie denn überhaupt ticken. Denn zu Zeit hat der Mexikaner ein anderes Verhältnis als das Volk der Uhrmacher im Herzen Europas.

Während ich hier schreibe und mir vorsichtig die Worte zurechtlege, dass ich die Pointe nicht am Anfang schon preisgebe, kommen mir ständig neue Erlebnisse in Mexiko in den Sinn, die gut in diese Serie passen würden. Immerhin haben wir Mexiko 5 Monate lang mit dem Camper bereist. Die meisten Mexikaner sind mausarm und leben in für unsere Begriffe schäbigen Bretterbuden. Sie sind Meister im improvisieren und flicken. Unsere Wegwerf-Gesellschaft könnte sich eine dicke Scheibe davon abschneiden.

Kakteen gehören in den meisten Regionen des subtropischen Landes zum Landschaftsbild wie bei uns Obstbäume. Kleine, grosse und ganz grosse Kakteen. Mit viel oder sehr viel Dornen. Zäune braucht es in Mexiko keine, solange eine breite Hecke an Kakteen ein Anwesen umgibt. Gewisse Kakteen kann man essen. Ihre Ohren werden auf Märkten angeboten. Das musste ich natürlich auch mal probieren!

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Kakteen haben aber noch eine weitere Funktion. Und um die zu verstehen, muss man wissen, dass es grosse Ohrenkakteen (Opuntien) gibt, die nicht ganz so viele Dornen haben wie auf dem Bild, das übrigens aus der Provence stammt.

Die Mexikanerinnen – und hier darf wohl getrost das Klischee des unter dem Sombrero zuschauenden, untätigen Mexikaners herbeigezogen werden – benützen ihre Kakteen-Hecken nämlich auch als Wäscheleinen. Nicht als Leine im herkömmlichen Sinn, sondern sie legen die Wäsche einfach auf die Kakteen. Wäscheklammern erübrigen sich. Wie schade nur, dass ich seinerzeit nie ein Bild von solchen textilen Ansammlungen auf der Botanik gemacht habe!

Wer etwas über kulinarische Freuden in Bezug auf Kakteen wissen will, kann gerne diesen alten Blogbeitrag anklicken.

Staub mit Erinnerungs-Potential

Immer, wenn ich ihnen begegne, und das ist immer, wenn ich abstaube, also eigentlich eher selten, erinnern sie mich an eine meiner längsten, schönsten, aber auch anstrengendsten Bergwanderungen.

Diese Wanderung hätte gar nicht so lang werden sollen. Wir waren auf dem Heimweg von einer Reise aus Kroatien und Slowenien und machten mit dem Wohnmobil einen Abstecher ins Südtirol. Bei Einheimischen, die vor einer bewirteten Alphütte bei Ponticello sassen, erkundigten wir uns nach einer etwa fünfstündigen Wanderung. Diese gaben uns frohgemut den Tipp, doch den 2’810 m hohen Seekofel zu besteigen.

Zu früher Morgenstunde stiegen wir los, denn es versprach, ein heisser Tag zu werden. Wir kamen vorbei an Almen, auf denen nicht nur Kühe, sondern auch Pferde weideten. Was für eine Idylle! Und als ob es nicht schon kitschig genug gewesen wäre, wuchsen auf der ganzen Wiese Edelweisse. Soviel übrigens zum Thema “Edelweiss in steiler Bergeswand”. Dieser Mythos gehört ins Zeitalter der Louis-Trenker-Filme.

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Nicht erst auf dem Gipfel merkten wir, dass wir den Zeithorizont überschreiten würden. Dank den gut markierten Wegen und dem makellosen Wetter war das aber kein Problem.

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Im Rifugio Biella gönnten wir uns Speis und Trank. Neben uns sassen Deutsche, die mit dem Feldstecher durchs Panorama linsten. “Wenn mich nicht alles täuscht, stehen dort drüben die Drei Zinnen”, hörten wir vom Nebentisch. “Die sieht man nicht von hier aus”, knurrte ich mehr zu mir selber zwischen zwei Happen. Der Mitbewohner jedoch, der konnte diese Abänderung der Bergwelt nicht so im Raum stehen lassen und sagte laut und unüberhörbar: “Meine Frau hat gesagt, das seien nicht die Drei Zinnen. Und sie muss es wissen, schliesslich war sie auf allen drei oben.” Schwang da ein bisschen Stolz in seiner Stimme mit? Na jedenfalls musste ich nachher Auskunft geben, was mir eher peinlich war. Es war und ist nicht meine Art, mit derartigen Leistungen anzugeben.

Erst als wir weitergingen, konnten wir im Dunst das berühmteste Dreigestirn der Dolomiten ausmachen.

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Unsere Wanderung indes war noch nicht zu Ende. Längst hatten wir herausgefunden, dass mit den fünf Stunden Wanderzeit lediglich der Hinweg auf den Gipfel gemeint war. Wir kamen auch im Abstieg an Wiesen vorbei, die vor Edelweissen nur so strotzten. Drum erlaubte ich mir, vier der geschützten Pflanzen zu pflücken. Ich weiss, dass man das nicht soll, aber die Kühe latschten ja auch geradewegs über diese raren Blümchen.

Nach acht ereignisreisen, aber auch reichlich ermüdenden Stunden waren wir wieder zurück beim Ausgangspunkt, wo unser Wohnmobil artig auf uns wartete.

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Die vier Edelweisse, die ich nach alter Väter Sitte zwischen zwei Buchdeckeln getrocknet hatte, sind in der Zwischenzeit reichlich verblasst. Trotzdem haben sie nach acht Jahren noch ihren festen Platz in unserer Wohnung. Und auch wenn der Mitbewohner meint, ich solle die Staubfänger endlich liquidieren, von diesem Souvenir mag ich mich nicht trennen.

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Der verkannte Freund

Sie hatten mir erzählt, sie würden bald kommen. Mit IHM. Mit Fridolin.

Hurra, dachte ich, endlich mal etwas für mich. Etwas hundefreundliches. Nicht nur zwei weitere Komische, die mit meinen beiden Komischen endlos komisch palaverten, so wie letzte Woche.

Mit Fridolin wäre für meine Unterhaltung gesorgt. Ich würde mit ihm durch den Garten toben. Ihm meinen Wald zeigen. Ihn gönnerhaft durch mein Revier führen. Und wenn er ganz nett mit mir wäre, würde ich ihm sogar meine Lieblings-Pfütze zeigen.

Als Fridolin um die Ecke bog, überkam mich eine herbe Enttäuschung. SO hatte ich mir meinen Spielkameraden nicht vorgestellt.

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Das Wohnmobil heisst übrigens wirklich Fridolin. Ohne Kohl!
Seine Besitzer haben wir nur dank diesem Blog kennen gelernt.

Und das Goldschätzchen hat seine Enttäuschung in der Zwischenzeit verkraftet und geniesst die zusätzlichen Streicheleinheiten.

Teures Eis

Wer in Alaska unterwegs ist, oder gar wie wir seinerzeit durch ganz Kanada nach Alaska und wieder zurück fährt, kommt ohne sie nicht aus. Sie war und ist die Bibel jedes Reisenden, dick wie ein Telefonbuch, ebenso schwer und grundsätzlich etwas unhandlich. Milepost heisst das jährlich aktualisierte Werk, das es im Jahr 2000 noch nicht online gab.

In der Milepost sind sämtliche Strassen nach und in Alaska aufgelistet. Meile für Meile. Jede Attraktivität am Strassenrand, jeder Abfallbehälter ist aufgeführt. Und glaubt mir, wenn man über hunderte von Kilometern, pardon Meilen, rechts und links der Strasse einfach nur Bäumchen sieht, die auf dem Weg nach Alaska immer kleiner werden und im Retourweg wieder allmählich grösser wachsen, stattet man jeder verwahrlosten Sehenswürdigkeit einen Besuch ab.

Ein flüchtiger Blick in die Milepost kündigte uns seinerzeit an, dass da bald wieder eine dieser oftmals etwas fraglichen Sehenswürdigkeiten am Wegesrand sein würde. Ein Gletscher. Na wieso denn nicht? Für eine Abwechslung allemal gut, zumal auch touristische Infrastruktur vorhanden zu sein schien und einer Tasse Kaffee und Kuchen waren mein innig geliebter Mitreisender und ich noch nie abgeneigt (nach mehr als 16 Monaten Reise in den USA hatten wir uns längst an amerikanischen Kaffee gewöhnt bzw. uns damit abgefunden…).

Ich war kurz davor, den Mitreisenden auf die Zufahrtstrasse zu manövrieren, da las ich ganz am Ende des Milepost Eintrags etwas von “Entrance Fee”. Nein, entschied ich kurzerhand, so weit runter geschneit hatte es noch nicht. Wo kämen wir denn da hin, für den Anblick eines Gletschers zu bezahlen? Das können meinetwegen die Amis machen, aber nicht wir. Bewohner eines Alpenlands. Stolze Eidgenossen mit ihren Bergen und dem ewigen Eis. Nein, Gletscher gibt’s bei uns gratis.

Wir fuhren weiter und begnügten uns mit dem Anblick aus der Ferne und der Gewissheit, dass es auch in Alaska gratis Gletscher zu sehen gab. Schönere und mächtigere als denjenigen, welchen wir gerade verschmäht hatten.

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Der Aletschgletscher, mit 23 Kilometern der längste Gletscher der Alpen.

Sonntags-Vergnügen in Melbourne

Es gibt mit Sicherheit Leute, die dem heutigen Tag entgegengefiebert haben, vielleicht sogar extra früh aufgestanden sind, damit sie jaaa nichts verpasst haben. Sie haben es nicht erwarten können, bis die Automobil-Rennsaison wieder losgeht.

Zu der Sorte gehöre ich bekanntlich nicht. Dennoch bietet der Grosse Preis von Australien immer wieder Anlass für meinen innig geliebten Mitbewohner und mich, uns an eine besondere Reiseanekdote zu erinnern. Eine Anekdote, die wir auch gerne mal erzählen, wenn es denn so grad zum Thema passt, und die euch hoffentlich auch zum Schmunzeln bringen wird.

Im Sinne eines faulen Sonntags-Beitrags empfehle ich euch deshalb die Lektüre dieses Beitrags, den ich vor drei Jahren veröffentlicht habe.

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Öfters mal Panne (38)

… oder: teurer Diesel

Nicht nur nach Rom führen viele Wege, sondern auch nach Skandinavien. Und wieder zurück. Als wir im Sommer vor einigen Jahren etwas abrupt infolge Schlechtwetters und leichter Reiseüberdrüssigkeit unseren Aufenthalt in Schweden abbrachen, drängte sich als Weg die Fahrt über die acht Kilometer lange Öresund Brücke an, welche die beiden Städte Malmö und Kopenhagen verbindet. Kein billiger Spass zwar, aber im Gegensatz zur Fähre jederzeit und ohne Reservation befahrbar.

Das Wetter war leider etwas diesig (deshalb habe ich ein Bild aus dem Internet gefischt) und es gab auch keine Parkplätze an der Strecke, von wo aus man die imposante Brücke hätte bewundern können. Ohne Probleme fuhren wir über das im Jahr 2000 fertiggestellte Bauwerk, das mitunter bei Sturm auch mal gesperrt sein kann. Im nachfolgenden sechs Kilometer langen Tunnel blinkten plötzlich die Warnlampen. Eine Spur war gesperrt. Sogleich gingen mir Angsthase Szenarien von Stau im Tunnel, Brand, Notfall und weitere brandschwarze Geschichten durch den Kopf.

Auf der noch verbleibenden linken Spur fuhren wir in der signalisierten Geschwindigkeit weiter und waren gespannt, was da kommen würde. Nach einer gefühlten Ewigkeit sahen wir vor uns auf dem rechten Fahrstreifen ein Wohnmobil. Noch bevor wir uns fragen konnten, weshalb das Fahrzeug schlapp gemacht hatte, sahen wir, wie der rettende Engel vom Pannendienst mit einem Kanister Diesel einfüllte. Da hatte der Fahrer wohl die Kapazität seines Tanks falsch eingeschätzt. Kleine Bemerkung am Rande: In Dänemark wäre der Treibstoff erheblich billiger gewesen als in Schweden.

Nicht ohne eine gewisse Schadenfreude stellten wir fest, dass dies wohl der teuerste Sprit sein dürfte, den der Norweger je getankt hatte. Und so ganz nebenbei waren wir natürlich froh, dass es sich um einen Zwischenfall der harmlosen Sorte gehandelt hatte.

Wohnen in der Tropfsteinhöhle

Bist du noch ganz dicht? Die Frage ist in aller Regel ironisch gemeint. Bezieht sie sich jedoch auf ein Wohnmobil, so ist sie durchaus berechtigt. Denn wer würde nicht gerne im Trockenen sitzen, wenn der Himmel seine Schleusen geöffnet hat.

Ein kuschelig trockenes Wohnmobil ist leider keinesfalls selbstverständlich. Nicht umsonst werben die Wohnmobil-Hersteller mit einer Dichtigkeitsgarantie, die Jahre über die Werksgarantie hinausgeht. Dass man nach Ablauf der normalen Garantiefrist die Kosten für die Dichtigkeitskontrolle selber berappen muss, erfährt man häufig erst dann. Nichts desto trotz ist es unzweifelhaft im Interesse jedes Reisemobilbesitzers, dass er diese Kontrollen regelmässig über seinen Freizeitbegleiter ergehen lässt.

Man stelle sich nur vor, welchem Gehotter so ein Gefährt über die Jahre ausgesetzt ist. Selbst bei „anständigem“ Fahrverhalten führen das Befahren von Naturstrassen, unvorhergesehene Bodenwellen, abruptes Abbremsen, Schlaglöcher und dergleichen unweigerlich dazu, dass nicht nur der Aufbau sondern auch die Ausstattung aus den Fugen gerät. Selbst wenn das nur im Millimeter-Bereich ist, kann es früher oder später dazu führen, dass bei einer Verbindung Risse entstehen, durch die Wasser eindringt. Sachte und oft über lange Zeit unbemerkt dringt dann Feuchtigkeit ein, die häufig erst weit entfernt von der undichten Stelle wieder sichtbar wird. Wenn überhaupt. Es ist nämlich durchaus realistisch, dass es in einer Seitenwand oder zwischen Hohlräumen still und leise vor sich hin modert.

Am Problem der erwähnten Unsichtbarkeit litten wir bestimmt nicht, als das Wasser direkt durch die Führungsschiene der Schiebefenster eintrat. Es war ein derart heftiger Tropenregen, der da vom Australischen Himmel herunterprasselte, dass es uns vorkam, als hätten wir unter einem Wasserfall parkiert. Machtlos mussten wir zuschauen, wie der Regen durch Lüftungsschlitze eintrat, den Wänden entlang herunterrann und dabei Teppiche und Polster einweichte. Als ganz so kostbar, wie Wasser sonst bezeichnet wird, kam es uns in jenem Moment gewiss nicht vor. Zum Glück hatten wir unser Bett im Alkoven; wenigstens dort oben blieb es trocken. Am nächsten Morgen – es war das erste und einzige Mal, dass mein innig geliebter Mitreisender und ich mit einem Plastiksack unter dem Allerwertesten gefrühstückt haben – fuhren wir schnurstracks in eine Wäscherei, wo wir die vor Nässe triefenden Polster in einem riesigen Tumbler wieder trockneten. Den Rest besorgten die Sonne und die Dachklimaanlage, die stundenlang vor sich hin brummte, bis im Inneren unserer Tropfsteinhöhle wieder trockene Verhältnisse herrschten. *

Natürlich sind die Fenster an europäischen Wohnmobilen anders konstruiert und wir hatten hierzulande noch nie ein vergleichbares Malheur, denn bei uns tropfte es nicht durch die Fenster rein, sondern durch den Dampfabzug. Das kleine, runde Abdeckgitter am Fahrzeugäusseren war von so vollkommener Konstruktion, dass wir auf dem Herd eine Pfanne unterstellen mussten, bis das Gewitter vorüber war. Als wir den Werkstattchef der Vertretung auf diese ungewöhnliche Art der Trinkwassergewinnung ansprachen, lautete seine ernüchternde Antwort lediglich: „Da sind Sie nicht die Ersten.“

Müssen sich Wohnmobil- und Caravan-Besitzer also darauf einstellen, dass es früher oder später mal in ihr Fahrzeug regnet? Ich wage hier keine Prognose, hängt es doch stark von der Verarbeitung, dem Unterhalt, der individuellen Benutzung des Fahrzeugs, und nicht zuletzt auch dessen Unterbringung bei Nichtgebrauch ab. Trotzdem kann ich euch verraten: Eine Tube Silikon war immer dabei, wenn wir uns weiter als 10 Kilometer von unserem Haus entfernten. Man weiss ja nie. Denn unter einem aufgespannten Schirm im Wohnmobil zu frühstücken, das wäre nun wirklich das Letzte, das ich mir vorstellen könnte.

* Wer die ausführliche Version dieser nassen Angelegenheit kennen lernen will, dem sei die Lektüre von Folge 25 meiner Serie „Öfters mal Panne“ empfohlen.

Öfters mal Panne (37)

… oder: (r)ausgeschlossen

Um uns im folgenden Zwischenfall eine gewisse Würde zu erhalten, muss folgendes erwähnt werden: Unser Womi war keine drei Monate alt und wir befanden uns auf einer zweimonatigen Reise. Zuvor hatten wir erst eine Woche darin verbracht. Das Fahrzeug verfügte über eine Zentralverriegelung mit funkgesteuertem Drücker. Es gab zwei verschiedene Schlüssel: den Zündungsschlüssel, mit dem sich auch die Fahrertüre öffnen liess und einen Schlüssel für sämtliche Türen des Aufbaus. Schon in den ersten Tagen der Reise begann das Schloss der Aufbautüre zu spuken. Es liess sich, wenn überhaupt, nur noch mit dem funkgesteuerten Drücker öffnen, der Schlüssel selbst drehte im Schliesszylinder leere Runden.

Es geschah im Sommer 2009. In dem Jahr, wo in den Abruzzen die Erde gebebt hatte. Wir hatten uns lange überlegt, ob wir unsere Pläne trotz dem verheerenden Erdbeben umsetzen, oder ob wir uns besser ein anderes Reiseziel aussuchen sollten. Wir entschieden uns für die Abruzzen, sahen erschütternde Bilder von mit Gurten zusammengehaltenen Kirchtürmen, Zeltlagern, gesperrten Strassen und viel grandiose Natur. Die Abruzzen sind auf jeden Fall eine Reise wert, das waren mein innig geliebter Mitreisender und ich uns schnell einig, auch wenn es im Landesinneren für Wohnmobile praktisch keine Infrastruktur gibt.

In diesem gebirgigen, hauchdünn besiedelten Landesinneren hatten wir auf dem Parkplatz am Ortseingang von Pietracamela übernachtet. Nach dem Erdbeben gehörten Bilder wie dieses zur Tagesordnung.

Ein weiterer wunderschöner Tag, wir öffneten beim Frühstück die Türe, liessen die reine, frische Luft hereinströmen. Als wir nach Abwasch, Zähne putzen etc. reisefertig waren, liess der Mitreisende, entgegen sonstiger Gepflogenheiten, den Motor an, damit er etwas warm laufen konnte. Der Mitreisende war stets um das Wohl des 2,3-Liter-Diesel-Motors besorgt und so wollte er weder die kurze, steile Rampe aus dem Parkplatz noch die steile Fahrt talwärts mit kaltem Motor fahren.

Ein letztes kurzes Beinevertreten, bevor es losgehen sollte. Da knallte ein Windstoss die Aufbautüre zu, die mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss fiel. Na und? werdet ihr nun vielleicht sagen, macht halt die Türe wieder auf.

Das etwas Ungeschickte an der Situation war bloss, dass dieser Windstoss uns soeben rausgeschlossen hatte, während am Womi der Motor lief. Wir hatten nämlich noch keine der beiden Fahrerhaustüren geöffnet, was eine Entriegelung beider Türen zur Folge gehabt hätte. Wir standen da wie die Deppen. Jetzt ist es vielleicht an der Zeit, nochmals den roten Text zu lesen, damit ihr uns nicht für Webstübler haltet.

Der Schlüssel, der uns hätte retten können, steckte im Zündschloss. Der andere (Reserve-)Schlüssel, der die Aufbautüre wieder aufgekriegt hätte, war mit einem Magnet an einem sicheren Ort an der Karosserie angebracht. Indes, der nützte nichts, da sich die Türe nicht mehr mit dem Schlüssel öffnen liess.

Es müssen wohl dem Mitreisenden wie mir diverse Szenarien durch den Kopf geschossen sein, von Scheibe einschlagen über einen Autoknacker organisieren, der in dieser abgelegenen Gegend legal agieren durfte, bevor der Mitbewohner die Initiative ergriff. An der Türfalle der Aufbautüre ziehen, das wussten wir aus mehrwöchiger Erfahrung, endete meist im luftleeren Raum. So auch dieses Mal. Nach viel gutem Zureden, Handauflegen und des Mitbewohners feinfühliger Fingerchen hatte der defekte Mechanismus irgendwann Nachsicht mit uns und gab nach.

Ich musste unweigerlich an Alibaba und die vierzig Räuber denken.

Da war die Welt noch in Ordnung. Das Womi in entspannter Lage auf dem Ausgleichskeil, die Türe sperrangelweit offen. Der Motor aber vermutlich bereits am laufen, denn beide Sitze sind in Fahrtrichtung gedreht.

Das Geschäft hinter dem Wohnmobil

Die nachfolgende Geschichte ereignete sich an jenem Wochenende im Oktober, als mein innig geliebter Mitreisender und ich herausfanden, dass in Italien Naturparks nicht primär dem Schutze von Flora und Fauna dienen, wie das andernorts der Fall ist. Nein, in Italien ist so ein Park offenbar ein Freipass für die Plünderung der Natur.

Als nämlich am Strassenrand eine Tafel den „Parco Naturale del Beigua“ ankündigte, glaubten wir, unseren Augen nicht zu trauen. An jeder Ausbuchtung der Strasse wo nur eine Handbreit Platz war, standen Autos. Auf etwa 10 km mindestens 200 Fahrzeuge. Der Grund? Die hier:

Die Italiener sind ganz wild auf ihre Funghi. Im nächsten Dorf – Sassello- wurden denn auch in mehreren Läden Steinpilze verkauft. Aber was für welche! Für 20 Euros gab es schätzungsweise 600 Gramm Pilze von so mieser Qualität, dass wir sie wahrscheinlich im Wald hätten stehen lassen. Die Pilze waren nicht einmal aufgeschnitten, also kaufte man die Katze im Sack bzw. die Pilze ziemlich sicher mit Maden. Trotzdem fanden die Funghi reissenden Absatz.

In Italien darf man nicht nach Belieben Pilze sammeln, wie dieses Schild veranschaulicht. Deshalb wohl der invasionsähnliche Einfall in die frei zugänglichen Naturparks.

Wir machten von Sassella aus eine Velotour und übernachteten in unserem Wohnmobil auf einem von Bäumen umgebenen Parkplatz am Ortsrand. Daran stört sich in Italien in der Regel niemand, schon gar nicht zu der Jahreszeit. Während wir beim Frühstück sassen, bemerkte ich, dass sich jemand am Womi zu schaffen machte. Ich konnte es nicht fassen: Die Nachbarin aus dem nebenan parkierten Wohnmobil pisste hinter unser Auto und hielt sich dabei am Fahrrad-Träger fest! Kurze Zeit später versuchte sie, die Beifahrertüre zu öffnen und entschuldigte sich mit der fadenscheinigen Begründung, sie habe sich in der Türe geirrt. Mein lieber Schwan, was hätte die wohl noch alles gemacht, wären wir nicht im Womi gesessen.

Wir waren jedenfalls froh, als die mit ihrem desolaten Wohnmobil abfuhren, neben solchen Vagabunden hätten wir unser Womi nicht mehr mit gutem Gefühl stehen lassen können. Doch so konnten wir in aller Ruhe nochmals einen Bummel durch Sassello machen, einen Kaffee trinken und dazu die lokale Spezialität, Amaretti morbidi, geniessen.

Da fuhren sie von dannen. Ich hatte vorsichtshalber ein Bild mit dem Nummerschild gemacht, falls sich später herausstellen sollte, dass sie doch noch irgendwo böswillig Hand angelegt hatten.

 

Öfters mal Panne (36)

… oder: Nasse Füsse auf dem Fussballplatz

Wenn mein innig geliebter Mitreisender und ich einen Campingplatz anfahren, geschieht dies nicht aus täglicher Gewohnheit, sondern hat ausnahmslos triftige Gründe. Wir greifen nämlich nur auf derartige Infrastruktur zurück, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das kann sein, weil der Strom im Womi am ausgehen ist (dank Solarpanelen an unseren europäischen Womis eigentlich die Ausnahme), weil wir dringend Wäsche waschen müssen oder weil es – wie im nachstehenden Geschichtchen – weit uns breit keinen geeigneten Übernachtungsplatz gibt.

England, das fanden wir innert kürzester Zeit heraus, ist nicht wirklich für Wohnmobile geeignet. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass England regelrecht wohnmobilfeindlich ist. Doch dieses Thema will ich hier nicht weiter plattwalzen. Tatsache ist, dass wir damals auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz in Südengland resigniert auf einen Campingplatz einbogen. Zuerst dachten wir, wir hätten uns verfahren und seien auf direktem Weg zu einem Fussballplatz. Der topfebene Platz wies keinerlei Strukturen auf. Keine Hecke, kein einziger Baum auf dem riesigen Areal von der Grösse zweier Fussball-Felder. Für die Engländer schien das, wie das folgende Bild zeigt, normal. Sie richteten sich ein mit ihren Zelten, Pavillons und Sichtschutzwänden. Campingfahrzeuge oder Wohnwagen hatten Seltenheitswert.

Wir suchten uns eine Ecke aus und fuhren auf das Grün. Dieses war, nach den vorangegangenen intensiven Niederschlägen, ziemlich weich. Ein mulmiges Gefühl beschlich uns, Erinnerungen an ähnlich weiches Terrain waren sofort wieder präsent. In solchen Fällen heckt der Mitreisende immer einen Plan B aus. Dieser sah primär vor, dass wir unser Fahrzeug wendeten, so dass wir im Vorwärtsgang wieder auf das schmale Asphaltband zurückfahren konnten. Man weiss ja nie.

Als mitten in der Nacht der Regen einsetzte, war es um unsere Nachtruhe geschehen. Dies nicht nur, weil der Regen in einem Wohnmobil viel lauter aufs Dach trommelt als zu Hause. Der Mitreisende machte nicht lange Federlesens. Er setzte sich ans Steuer, liess den Motor an und fuhr aus dem potentiellen Sumpf heraus. Nach wenigen Metern standen wir auf dem asphaltierten Platz vor einem geschlossenen Sanitärgebäude.

Was die Engländer in ihren Zelten ab uns gedacht haben mögen, war uns in diesem Moment ziemlich egal. Uns konnte der Regen nichts mehr anhaben. Wir standen auf sicherem Boden.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellan-Kiste. Und die Schutzpatronin der Wohnmobil-Reisenden.